Abgrund

Es gibt viele verschiedene Arten von Abgründen. Traust du dich, dich denen dieser Kurzgeschichte zu stellen?

Genre: Mystery
Wörter: 1.002
Erzählform: Dritte Person (Vergangenheit)
Datum: 07. Juni 2016

 

Sie war am Abgrund. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Hände lagen wie zum Gebet gefaltet locker auf dem Geländer der Brücke, und ihr Blick war starr in die Dunkelheit gerichtet, die sich unter ihr in einer Tiefe ausbreitete, die wie ein hypnotischer Sog auf sie wirkte. Ihre Gedanken kreisten, nicht zum ersten Mal an diesem Tag, in diesem Leben, und im Grunde genoss sie dieses Gefühl von Stille und Weite, von eigentümlicher Freiheit, von der kostbaren Glut des Moments. Ein verhaltenes Lächeln hob ihren Mundwinkel an, aber das war auch die einzig erkennbare Regung ihres Körpers, der selbst dem starken Wind trotzte, der hier oben an ihr zog und zerrte. Als wollte er sie in eine stürmische Umarmung ziehen, sie auffordern zu einem wirbelnden Tanz. Sie war so ruhig, wie man es in dieser Situation nur sein konnte. Die tiefe Dunkelheit unter ihrem Blick, ihren Füßen, war wie ein Blick in ihre Seele. Freunde, die sich gefunden haben. Heimkehr in die liebevollen Arme der Finsternis. Ein unwiderstehlicher Drang sich ihr zu öffnen, in ihr einzutauchen, und mit ihr zu verschmelzen. Die Sucht von der Ewigkeit trotzender Herzen, düster und kalt, faszinierend und unendlich. Kinder der Nacht. Dunkelkinder. Verloren und niemals gefunden. Geboren, doch niemals gelebt. Laut, und doch in Stille vereint. Ja. Sie war die Dunkelheit, und die Dunkelheit war sie. Und sie würde zurückkehren in ihren liebenden Schoß. Es war kühl an diesem Abend, denn der Sommer zog sich mit jedem Tag ein wenig mehr zurück, um dem Herbst Platz zu schaffen, der wiederum seine kühlen Abendhände nach der Welt ausstreckte. Das vormals grüne und saftige Laub an den Bäumen wurde zu einem trostloseren Sein verbannt. Es fiel ab, vertrocknete, verrottete, und hinterließ den typischen Herbstgeruch, der schwer in der Luft lag. Ungeachtet der menschlichen Zivilisation tat die Natur, was sie bereits seit vielen Millionen Jahren tat, und noch in vielen Millionen Jahren tun würde. Dann, wenn selbst der letzte Mensch auf Erden verschwunden sein würde. Sie befand sich in der Auflösung, im Sterben, um in ein paar Monaten schön und strahlend wiedergeboren zu werden. Sie liebte den Herbst. Mehr als alle Jahreszeiten zusammen. Sie liebte den Geruch, der vom nahenden Tod des Sommers und seiner Kinder zeugte. Nur der Herbst roch auf diese ganz spezielle Art. Und sie mochte den Gedanken von Tod und Wiederkehr. Ein Kreislauf aus Leben und Sterben. Sie fühlte sich dem sehr verbunden. Und auch wenn die Boten von dem unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit kündeten, so war es dennoch noch angenehm warm und mild. Wenn man nicht gerade knapp einhundert Meter über dem Boden stand, wo der Wind seine ganze aggressive Frostigkeit ungehindert durch Gebäude und Bäume durch die Luft schicken konnte und an allem zerrte, das es wagte, sich in den Weg zu stellen. Sie fühlte es kaum, die Kühle streifte sie höchstens, und war ein willkommenes Geschenk. Ihr langes, rabenschwarzes Haar wurde nach hinten geweht und hielt seine Spitzen in die Luft, als wollte es fliehen. Fliehen vor ihr, vor der Dunkelheit, vor der Tiefe, vor dem Unausweichlichen. Ihr geübtes Ohr nahm das helle Lachen wahr, das weit unter ihr von einer Frau ausgestoßen wurde. Sie hätte es eigentlich nicht hören dürfen. Nicht hier oben, in den Armen des pfeifenden Windes, und dennoch wurde es so klar zu ihr getrieben, als stünde die Person gleich neben ihr. Sie schloss die Augen, nur kurz, um sich den Gefühlen hinzugeben, die dieses Lachen in ihr auslösten. Freude? Nein. Neid? Nein. Es war eine Mischung aus Melancholie und kalten Glücks. Eine Ahnung der Vorfreude, hämisches Gedankengut, ein Wirrwahr aus Bedauern und Dank. Erneut konnte sie die Frau hören, und eine männliche Stimme hatte sich dazu gesellt. Sie musste den Kopf nicht drehen, um auf ihre Uhr zu sehen, denn sie wusste auch so, dass alles wie geplant geschah, und der Zeitpunkt gekommen war. Sie wusste, dass er eine Decke ausgebreitet hatte. Dass sie am Fluss auf der Wiese saßen, und das leise gluckern des Wasserstroms untermalte die ganze Szene. Dass er einen Arm um sie gelegt hatte und sie glücklich anblickte. Dass er die Schachtel mit dem Ring in der Tasche mit sich trug, und ihm ganz heiß vor nervöser Vorfreude war. So, oder so ähnlich war es immer. Sie würden sich auf den Rücken legen, in den dunklen Himmel zu den Sternen sehen, und sie würden von dem träumen, was die Zukunft für sie bereit hielt. Sie würden Pläne machen, sich ewige Liebe schwören, und sich unsterblich fühlen. Was sie nicht waren. Aber sie waren arglos und unschuldig in ihrem Sein. Ein kaltes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, das ihre Augen nicht erreichte. Ihr Körper bekam eine merkwürdige Spannung, die kein menschliches Wesen wahrnehmen würde. Und ihre Augen wurden zu glühenden Kohlen in der Schwärze der Nacht, die sie umgab. Ohne sichtbare Anstrengung sprang sie aus dem Stand federnd auf das Geländer, auf dem sie kurz mit ausgebreiteten Armen und zurückgelegtem Kopf stehen blieb und sich ganz den Gefühlen hingab, die sie wie Lava fluteten. Ausgelassene Heiterkeit, gepaart mit der heißen Aufregung der Jagd. Ihr Gesicht veränderte sich, wurde zu einer Fratze des Grauens, ein Beispiel der Unmenschlichkeit, denn sie war dem humanen Dasein so fremd, wie man nur sein konnte, auch wenn sie sich durchaus seiner Annehmlichkeiten bediente. Wie ein schönes Aussehen, oder Empfindungen, die sie in sich aufsaugte, durchlebte, aber doch nicht verstand. Sie wandelte durch die Welt der Menschen, und niemand, der sie ansah ahnte, dass der grausame Tod mitten unter ihnen war. Es wurde Zeit. Sie bleckte die monströsen Hauer, die sich weit über ihren Kiefer erstreckten und in Kürze einiges zu tun bekamen. Und wenn sie fertig war, würden sie voller Blut und menschlichem Gewebe sein. Und sie würde sich satt und befriedigt fühlen. Bis zum nächsten Mal. Und Morgen würde ein neuer Zeitungsartikel die Aufmerksamkeit der Leser fesseln, die über die ersten fünf Seiten hinaus lasen. Von neuen Toten, von neuem Grauen. Und niemand ahnte, dass dies erst der Anfang war. Denn sie waren so viele.