Affenkinder

Fünf Kinder werden unter merkwürdigen Umständen empfangen und als sie geboren werden, stellt sich heraus, dass sie ganz besondere Kinder sind. Trotz ihres ungewöhnlichen Daseins und Aussehens, wachsen sie relativ normal auf, bis eine Katastrophe den Lauf der Welt verändert. Sind diese besonderen Kinder die Rettung der Menschheit?

Die kleine Novelle „Affenkinder“ birgt die Antwort.

Genre: Sci-Fi, Fantasy
Wörter: 30.689

Kapitel: 30
Erzählperspektive: Dritte Person (Vergangenheit)
Datum: September 2012

1 Georgie

George Joseph Daisson war das Ergebnis einer Vergewaltigung. Seine Mutter, Marleen Daisson, war nicht dumm und sich ziemlich sicher, dass Georgie ihre einzige Chance im Leben sein würde, überhaupt ein Kind in die Welt zu setzen und betrachtete ihre Sohn von daher als Geschenk, statt als etwas Üblem, und bezeichnete den Vergewaltiger stets als Vater, niemals als Verbrecher. Niemand in Staten Falls konnte verstehen, dass ausgerechnet Marleen Opfer einer Vergewaltigung geworden war, denn sie war nicht nur sehr hässlich, sie war auch sehr dick, und wie sie sich über das Kind eines Verbrechen freute, war den meisten von ihnen unheimlich. Aber Marleen wusste, wie ihre Karten standen. Von Geburt an war ihre linke Gesichtshälfte gelähmt und hing herab, weswegen sich ihr Auge ein paar Zentimeter nach unten schob. Mit dem anderen Auge schielte sie und sie trug eine Brille so dick wie ein Fensterglas. Sie hatte zwar ein irgendwie nettes, halbes Lächeln, aber ihre Zähne waren  wie kleine Hasenzähne und zudem gelblich verfärbt. Sie hatte kaum einen Hals und aufgrund ihrer Fettleibigkeit watschelte sie wie eine Ente umher. Sie war die Älteste der Kinder und zumindest von ihrer Familie war sie sehr geliebt. Ihre Geschwister taten alles für Marly, wie sie sie liebevoll nannten, denn jeder in der Familie wusste, warum sie so war. In erster Ehe verheiratet, schlug Marleens Vater während der Schwangerschaft immer wieder ihre Mutter in den Bauch und das sie das Kind nicht verlor, war ein Wunder gewesen. Ihr richtiger Vater starb noch vor ihrer Geburt und etwas später heiratete sie Joseph Daisson, der sehr gut zu ihr und auch zu Marleen war. Gemeinsam setzten sie dann noch 6 Kinder in die Welt und er adoptierte seine Stieftochter. Er war ein guter Mensch und ein guter Familienvater. Bei Marleens Geburt war nicht sicher, wie weit die Behinderungen gehen würden, und der Arzt bereitete ihre Mutter bereits darauf vor, dass sie auch Schwachsinnig sein könnte, doch zum Glück hatte sich das als falsch herausgestellt. Marleen war von einiger Intelligenz und eine gute Schülerin gewesen. Der Täter wurde nie gefasst, was auch daran lag, dass Marleen so gut wie keine Täterbeschreibung abgeben konnte. Sie war so damit beschäftigt gewesen ihre erste sexuelle Erfahrungen, sagen wir mal zu genießen, dass sie auf Einzelheiten bezüglich des Vergewaltigers nicht besonders achtete. Immerhin war sie schon 32 Jahre alt. Das einzige, was sie wusste war, dass er sehr haarig gewesen war. Marly genoss die Schwangerschaft in vollen Zügen und auch wenn man kaum einen Unterschied zwischen Schwangerschaft und dickem Fleisch erkennen konnte, streckte sie ihren Bauch immer noch extra aus und streichelte oft versonnen darüber. Sie nahm alles lächelnd hin von der Übelkeit bis hin zu den Sticheleien, die ihr oft nachgerufen wurden und sehr gehässig waren. Aber daran hatte sie sich im Laufe der Jahre schon gewöhnt und sie war einfach glücklich, ein kleines Wesen unter dem Herzen tragen zu können.

Die Geburt von Georgie war eine kleine Sensation. Ihre jüngste Schwester stand ihr im Kreißsaal bei, während der Rest der Familie komplett draußen wartete, dass die frohe Botschaft kundgetan wurde. Und nach 16 Stunden Wehen, und selbst die hatte Marleen fast komplett lächelnd hinter sich gebracht, schaute klein Georgie mit dem Kopf heraus um gleich darauf komplett aus ihr herauszugleiten. Ein gequältes Stöhnen erfüllte den Raum, als alle einen ersten Blick auf den Jungen werfen konnten und Niemand versuchte das kleine Bündel in irgendeiner Form ins Leben zu holen, als dieses ohne Regung und Bewegung in den Armen der Hebamme lag und einfach nicht schreien wollte. Vielleicht dachten sie, es wäre barmherzig gewesen, dass dieses Kind nicht lebte, doch sie hatten die Rechnung ohne Marleen gemacht. Diese bäumte sich ächzend auf und griff nach ihrem Kind. Sie kniff es in den Arm, mit ganzer Kraft, und erst als das Baby dann doch anfing zu schreien, sank sie zurück und lächelte zufrieden. Kurz darauf legte man ihr ihren Wunschsohn in den Arm und sie lächelte weiterhin, obwohl alle anderen, inklusive ihre Schwester, entsetzt dreinschauten und dieses „Wunder“ nicht zu begreifen wussten. Georgie sah aus, wie eine Mischung aus Affe und Mensch. Er war sehr behaart, nicht so sehr wie ein Affe, aber doch außergewöhnlich. Tiefe sattschwarze Haare umrahmten sein Gesicht, in dem die Nase platt und breit lag und große, wulstige Lippen sich wölbten. Auch wenn Ober- und Unterkörper normal, aber sehr behaart, waren, so hatte Georgie doch überproportional lange Arme, die fast bis zu seinen Knien reichten. Er hatte normale Hände und Füße, nur die Zehen waren sehr gekrümmt und ein wenig länger als sie sein sollten. Marleen sah das alles nicht. Für sie war ihr Sohn perfekt und sie liebte ihn, wie man ein Kind nur lieben konnte.

Nach einer Weile hatte sich auch die Daisson-Familie an den Anblick von Georgie gewöhnt und Marleen zuliebe tat man so, als wäre an ihm nichts Besonderes. Einzig seine Großmutter konnte den Anblick kaum ertragen und verhielt sich mehr als kühl und abweisend zu ihm. Joseph Daisson ließ nichts unversucht, um einen Mann und Vater für Marleen und George zu finden, doch all seine Bemühungen waren vergebens. Niemand wollte die schielende Qualle und das Affenkind. Fast seine ganzen Ersparnisse bot er den jeweiligen Kandidaten an, doch das schien nicht genug zu sein für die Bürde, die er ihnen auflasten wollte. Marly war das egal. Sie hatte ihren Sohn und opferte sich ganz für ihn auf. Sie war eine so gute Mutter, wie sie sein konnte und behandelte ihn niemals so, als ob er nicht in Ordnung wäre. Später, als er den Hänseleien der anderen Kinder ausgesetzt war und er verzweifelt und fast trotzig hervor spuckte, dass er ein Monstrum sei, sagte sie ihm immer wieder: Du bist weder ein Monster noch irgendwie unnormal. Du bist einfach außergewöhnlich besonders und deine Mama liebt dich über alles. Das konnte ihn zumindest in der ersten Zeit trösten. Georgie war hochintelligent. Er konnte alles, was Babys lernen, mindestens 6 Monate vorher. Mit vier konnte er flüssig lesen, mit fünf ganze komplizierte mathematische Aufgaben lösen. Er beschäftigte sich mit Chemie und Physik und als er mit sieben einen Ausflug in ein Atomkraftwerk machte, war das der Höhepunkt seiner Kinderzeit. Marleen förderte ihren Jungen, wo sie nur konnte, aber auch ihre Grenzen waren bald erreicht. Auf eine private Schule konnte sie ihn leider nicht schicken, dafür fehlte das Geld, und auch ihre Familie konnte die hohe Summe, die die Schule im Jahr kostete, nicht aufbringen. Sie waren schließlich alles einfache Arbeiter, ohne großes Einkommen, das für den Unterhalt reichte, aber nicht für große Sprünge. Sie unterstützten schon Marly, die von der Fürsorge und einer kleinen Erbschaft einer Tante lebte. So übersprang Georgie mehrfach eine Klasse und fühlte sich dennoch irgendwie unterfordert. Er war zwölf, als er die Schule beendete und ein Intelligenztest, der vom Staten Falls Medical and Biological Research Center finanziert wurde, erklärte, dass er einen IQ von 169 hatte.

2 Annabelle

Annabelle Daisson bekam ihren Namen erst von ihrer Adoptivmutter Marleen Daisson. Auch Annabelle war das Ergebnis einer Vergewaltigung, aber im Gegensatz zu Georgie, war Annabelle, die zunächst namenlos blieb, nicht gewünscht, ja sogar verhasst und es wurde noch schlimmer, als bei ihrer Geburt festgestellt wurde, dass es sich ebenfalls um ein Affenkind handelte. Sie wurde als viertes Kind in die Familie Winterberg geboren. Rose Winterberg war eine sehr dünne und flatterig wirkende, hochgewachsene Frau, deren tiefe Falten im Gesicht davon zeugten, dass ihr Leben nicht immer leicht gewesen war. Sie war früh ergraut, schon mit 25 Jahren, und trug sie stets zu einem festen Knoten auf dem Kopf. Sie sah aus wie eine Matrone. Sie rauchte viel und trank noch mehr und war allgemein mit der Situation überfordert. Ihr Mann Ismail war ebenfalls ein Trinker, der sein Leben, seine Frau und einfach alles hasste und fast seine gesamte Freizeit in der Kneipe verbrachte. Als Rose Winterberg vergewaltigt wurde, musste Ismail zunächst lachen, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand freiwillig über seine Frau stieg, aber das Baby überzeugte ihn schließlich doch. Noch bevor Annabelle geboren wurde, hasste ihre Familie sie und das besserte sich nicht, als sie haarig, mit breiter Nase und wulstigen Lippen, das Licht der Welt erblickte und scheinbar wütend mit kleinen Fäustchen  in die Welt hinaus schrie. Weder Rose noch Ismail machten sich die Mühe dem Kind einen Namen zu geben, es hieß nur: „das Ding“ und niemand von ihnen stritt sich sonderlich darum sich um das Baby zu kümmern. Sie versteckten Annabelle, und weil sie weit auf dem Land lebten, funktionierte das ganz gut. Sie wurde zwar gefüttert und auch gewickelt, aber allgemein kümmerte sich niemand um sie, oder machte sich die Mühe ihr etwas beizubringen. Ihre älteren Geschwister behandelten sie wie ein Spielzeug und taten was sie wollten, ohne dass Rose Winterberg sich irgendwie eingemischt hätte.

Als Ismail Winterberg einen Artikel im Staten Falls Tageblatt über das Affenkind-Genie George Daisson las, da waren Georgie vier und Annabelle drei Jahre alt, las er auch, wie sehr sich Marleen Daisson um ihren Sohn kümmerte, sie wurde als eine Art Übermutter dargestellt, und er und seine Frau beschlossen, Annabelle in ihre „Obhut“ zu geben. Das sah so aus, dass die wenigen Habseligkeiten des Kindes zusammengepackt und gemeinsam mit dem Kind das Auto beladen wurde. Dann fuhren sie zu Marleen Daisson und drückten ihr Annabelle in die Arme mit den Worten: „Hier, sie lieben sie ja und haben kein Problem damit. Wir wollen sie nicht. Wenn sie sie adoptieren wollen, haben sie unser Einverständnis“. Marleen nahm das kleine Mädchen und gab ihr den Namen Annabelle. Georgie freute sich, dass er nun eine Schwester hatte, aber noch mehr darüber, dass er nicht mehr das einzige „Affenkind“ war. Wie sich herausstellte, war Annabelle überhaupt nicht dumm, nur nicht gefördert und Marleen bemühte sich, die Zeit, in der ihre Tochter nichts erlernt hatte, aufzuholen, indem sie viel mit ihr übte. Es stellte sich heraus, dass Annabelle sehr lernbegierig und aufnahmefähig war. Bereits ein Jahr später war Annabelle auf dem gleichen Stand wie andere in ihrem Alter. Marleens Familie nahm es gelassen, wo ein seltsames Kind Platz hatte, hatten auch zwei Platz. Nur die Großmutter war abgeneigt und distanziert. Als Marleen von der Musiklehrerin der Schule aufgesucht und ihr gesagt wurde, dass Annabelle ein ausgezeichnetes Musikverständnis habe, schmiss die ganze Familie Daisson zusammen und sie bekam zu Weihnachten ein Klavier. Kein besonderes, kein neues, sondern gebrauchtes, aber es war für Annabelle das reinste Wunder und in der Folgezeit machte sich das Klavier mehr als bezahlt. Annabelle saß täglich viele Stunden an den Tasten und spielte wundervoll, und das obwohl sie noch keine Klavierstunden bekam. Marleen Daisson verkaufte eine Versicherung und finanzierte davon Klavierstunden für ihre Tochter und massig Chemiebaukästen für ihren Sohn. Annabelle war ebenfalls hochintelligent und übersprang Klassen, dazu gab sie Klavierkonzerte, ihr erstes mit sieben Jahren, und bekam viele Preise und Preisgelder, die die Familie Daisson gut gebrauchen konnte. Marleen legte sofort Sparkonten für Colleges an und lebte selbst in aller Bescheidenheit, weil sie jeden übrigen Cent auf das Konto einzahlte. Hin und wieder nahm sie Geld vom Konto, um ihren Kindern etwas zu finanzieren, aber allgemein versuchte sie es zusammenzuhalten. Als Familie Winterberg mitbekam, wie erfolgreich ihre „ehemalige“ Tochter war – und vor allem mitbekamen, wie viel Geld sie nach Hause brachte – wollten sie ihr Kind zurück, doch die Adoption war rechtskräftig und Annabelle durfte bei den Daissons bleiben. Annabelle schloss ebenfalls mit 12 Jahren die Schule ab und im selben Test, den ihr Bruder schon gemacht hatte, wurde festgestellt, dass sie einen IQ von 145 hatte.

3 Marvin

Ob Marvin Jenkins nun das Ergebnis einer Vergewaltigung oder einfach nur das Kind eines Freiers war, blieb weitgehend unbekannt. Carol Jenkins war eine recht erfolgreiche Prostituierte, deren größtes Laster jedoch die Drogen waren. Sie war ständig zugedröhnt, so dass sie bei aller Liebe nicht hätte sagen können, wer nun der Vater von Marvin war. Sie war ziemlich geschockt, als sie feststellte, dass sie schwanger war, denn eigentlich verhütete sie doppelt: Sie nahm die Pille und sie bestand auf ein Kondom. Eine Schwangerschaft war deswegen eigentlich nahezu unmöglich und trotzdem zeigte der Test ein positiv an und trotzdem erklärte ihr der Arzt, dass sie schwanger war. Sie verkaufte weiterhin ihren Körper, bis selbst der letzte Freier sie nicht mehr anschauen mochte, aber sie versuchte zumindest die Finger von den Drogen zu lassen, solange sie sich ihren Körper mit einem Baby teilte, was ihr aber auch nicht immer gelang. Zur Geburt zum Beispiel war sie wieder so high, dass sie kaum etwas mitbekam, außer Schmerzen und auch das entsetzte Stöhnen, dass durch den Kreißsaal wehte, ging irgendwie an ihr vorbei. Das erste was sie sagte, als ihr der Sohn vorsichtig in den Arm gelegt wurde, war: „Huh… du bist aber behaart“. Erst als sie langsam wieder runter kam und wieder den Sinn für die Realität bekam, sah sie, was mit ihrem Kind los war. Sie liebte ihn nicht gerade über alles, aber sie hasste ihn auch nicht. Für sie war er einfach ein wenig „kurios“. Mit dem ganzen Baby-Kram war sie allerdings etwas überfordert und sie konnte auch nicht lange den Drogen widerstehen, die sie dann auch wieder zur Prostitution brachte. In einem der selten klaren Momente wurde ihr klar, dass Marvin nicht bei ihr bleiben konnte, wenn aus ihm etwas werden sollte, und so gab sie ihn ihrer Tante im benachbarten Staten Falls in Obhut.

Tante Mable war zwar nicht gerade begeistert über dieses „Vertrauen“ ihrer Nichte, aber im Endeffekt konnte sie verstehen, warum Marvin nicht bei seiner Mutter bleiben konnte, und so nahm sie ihn bei sich auf. Zu Anfangs fand sie das affenartige Aussehen ihres Großneffen abstoßend und sie verhängte alle Spiegel im Haus, damit er nicht immer sah, wie er aussah. Doch Marvin war ein süßes und liebes Kind und eroberte das Herz seiner Großtante, so dass sie sich schon bald nicht mehr an Äußerlichkeiten störte. Sie liebte den Kleinen und wenn er lächelte, war das irgendwie süß. Er ahmte schon als Kleinkind die Bewegungen und auch die Sprache von Tante Mable nach und sie hatte ihre helle Freude an ihm. Anfangs kam Carol noch ihren Jungen besuchen, aber mit der Zeit wurden diese Besuche weniger und weniger, bis sie ganz ausblieben. Das störte jedoch weder Marvin noch Tante Mable, die eine eigene Gemeinschaft bildeten. Selbst als Mable von den anderen Affenkindern in der Zeitung las, nahm sie keinen Kontakt zu ihnen auf. Sie wollte ihren Marvin noch nicht so recht gehen lassen, in der Schule würde das noch früh genug passieren. Auch Marvin war hochintelligent. Tante Mable hatte ein ungestimmtes Klavier und bereits mit vier Jahren komponierte er sein erstes Klavierstück. Mit sieben fing er an, ganze wissenschaftliche Abhandlungen über alle möglichen Themen der Welt zu lesen und war Stammgast in der Bibliothek. Auch wenn er sich nicht wirklich auf ein Thema festlegte, so waren doch vor allem Religion, Evolution und Ethik seine Hauptinteressengebiete, auch wenn sich die Themen gegenseitig widersprachen. Tante Mable war ein einfacher Mensch und hatte keine Ahnung von all den Dingen, mit denen sich ihr Junge beschäftigte. Damit sein Geist jedoch nicht verkümmerte, versuchte sie ihm öfter mal einen Gesprächspartner zu besorgen, mit dem er diskutieren konnte. Fasziniert beobachtete sie dabei, dass Marvin fast immer Recht und Oberhand behielt. Das einzige was sie sonst noch tun konnte war, Marvin die Bücher zu kaufen, die er haben wollte, auch wenn dafür ein guter Teil ihrer Rente verbraucht wurde. Als große Geburtstagsüberraschung zu seinem 8. Lebensjahr, bekam er einen Gutschein für eine Führung durch das Staten Falls Medical and Biological Research Center, was, nach Marvins Aussage, das beste Geschenk seines Lebens war. Vor allem, weil solche Führungen nur selten und nur sehr gut zahlenden Anfragenden genehmigt wurden. Marvin wusste nicht, wie seine Tante das angestellt hatte, aber er liebte sie an diesem Tag noch so viel mehr, als wie er sie sonst liebte und das war schon eine ganze Menge.  Marvin beendete wie die anderen die Schule mit zwölf Jahren und bei einem Intelligenztest wurde sein IQ von gleicher Höhe wie Annabelle erfasst.

4 Jonas und Martha

Jenny und Mike Delaney lebten in Madison Creek, einer Art Vorort von Staten Falls und waren bereits seit 12 Jahren verheiratet. 8 Jahre davon versuchten sie ein Kind in die Welt zu setzen, was jedoch gründlich misslang. Es wollte einfach nicht klappen, obwohl sie so ziemlich jede Behandlungsmethode ausprobierten, die es gab. Erst als alle ihre Ersparnisse für medizinische Beratungen, Behandlungen und Tests aufgebraucht waren, beließen es die beiden schweren Herzens dabei und richteten sich auf ein Leben ohne leibliches Kind ein. Da Mike Delaney nicht schlecht verdiente und auch Jenny mit ihrem Halbtagesjob ein bisschen Geld in die Kasse brachte, sie beide in einem ruhigen Vorort wohnten und ein eigenes Haus, sowie eine weitläufigen Garten hatten, sie zudem Anfang und Mitte 30 Jahre alt waren, machten sie sich Hoffnungen, über eine Adoption ein Kind zu bekommen. Doch bevor es soweit kam, wurde Jenny Delaney niedergeschlagen, vergewaltigt und mit Zwillingen schwanger.

Es war zunächst eine Zerreißprobe, die fast zur Scheidung der beiden geführt hätte. Während sich bei Jenny endlich die ersehnten Muttergefühle einstellten, was sie selber kaum verstand, denn eigentlich hätte sie die Wesen in ihrem Bauch hassen müssen, so wie sie entstanden waren, haderte Mike mit der Tatsache, dass seine Frau Kinder eines Vergewaltigers austrug und auch nicht daran rüttelte und eine Abtreibung vehement ablehnte. Er konnte kaum ertragen, dass 8 Jahre Fruchtbarkeitstests und  Befruchtungen umsonst gewesen waren, aber eine Vergewaltigung das brachte, was sich er und seine Frau so dringend gewünscht hatten. Zumal es arg an seiner Männlichkeit rüttelte, die eigentlich, laut Fruchtbarkeitstest, bisher unangetastet war. Nach einem intensiven Gespräch jedoch, in dem ihm die Wahl gestellt wurde: „Scheidung oder er würde endlich diese Kinder als etwas wunderbares akzeptieren“, wählte er zweiteres, weil er seine Frau wirklich liebte. Und weil es ja auch nicht so schlimm sein würde, wie er sich einredete. Er würde schon noch Vatergefühle entwickeln und dann auch vergessen, dass nicht er der eigentlich leibliche Vater war. Und tatsächlich, als er das Ultraschallbild der beiden in Jennys Bauch sah, wie sie es sich dort eingerichtet hatten, die kleinen Köpfe, die Fingerchen, stellten sich Vatergefühle ein. Groß war dann auch die Freude, dass es sich um ein Mädchen und einen Jungen handelte. Er richtete mit Jenny zusammen das Haus her, das Kinderzimmer und machte es kindersicher. Er kaufte zwei Kindersitze und ging stundenlang mit Jenny Babykleidung einkaufen und allen möglichen Kram, den man unbedingt benötigte. Nur noch manchmal saß das kleine Teufelchen auf seiner Schulter und flüsterte ihm zu, dass es gar nicht seine Kinder sind. Er hörte meistens nicht drauf.

Spätestens bei der Geburt hörte er aber darauf, denn das was er sah, wischte zunächst alle Vatergefühle beiseite, die er je gehabt hatte und er wusste, sie würden nie wieder in dieser Form zurück kommen. Er war entsetzt und geschockt, während sich das Klinikpersonal mittlerweile an die Affenkinder gewöhnt hatte und nur noch leichte Seufzer zu hören waren, als erst Martha und dann Jonas das Licht der Welt erblickten. Jenny fand sie perfekt, aber Mike fand sie einfach nur abstoßend. Er wollte sie am liebsten abgeben, sie niemals gesehen haben, aber da er Jenny liebte, versuchte er wenigstens irgendwie ein Vater zu sein. Auch wenn dabei keine großen Gefühle aufkamen. Er wickelte sie, er fütterte sie, er trug sie herum, bis sie schliefen, er schob den Zwillingskinderwagen und kaufte, was Jenny sich für die beiden wünschte. Doch so recht lieben konnte er die beiden nicht. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die die beiden vergötterte und anstatt sie als die Brut eines Verbrechens zu betrachten, sah sie die beiden als Gottes Geschenk. Mit Gott hatte das allerdings wenig zu tun, fand Mike, es waren eher absurde Formen von Missgeburten, die ihn und seine Frau heimgesucht hatten. Seine Frau filmte die Zwillinge auf Schritt und Tritt, um die Videos dann der entsetzten Verwandtschaft vorzuführen und immer wieder zu betonen, wie herrlich ihre Kinder doch sind. Jenny sah gar nicht, wie die anderen auf Jonas und Martha reagierten und schien auch völlig vergessen zu haben, dass die Kinder bei einer Vergewaltigung entstanden waren. Auch als sich die Talente der beiden herauskristallisierten, war Mike nicht sonderlich versöhnt mit der Welt, wohingegen Jenny in totaler Verzückung lebte und alles tat, um die beiden zu fördern. Weswegen Mike ständig irgendwelchen Computerkram oder Leinwände und Farben kaufte.

Martha baute sich ihren gewünschten Computer schon mit fünf Jahren vollständig alleine zusammen und mit sechs Jahren hatte sie so gut wie alle Mysterien des Internets erschlossen. Sie hackte sich auf alle möglichen Seiten, wovon sie ihren Eltern aber natürlich so gut wie nichts erzählte. Sie besaß drei Laptops noch vor ihrem siebten Lebensjahr und drei feste Computer schmückten das Heim der Delaneys. Ihr halbes Zimmer bestand aus Computerteilen wie Festplatten, Motherboards, Grafikkarten und was sonst noch dazu gehörte und die kleine Martha wurde immer gerufen, wenn ein Familienmitglied oder Freunde Probleme mit ihren Rechnern hatten. Es gab kein Computerproblem, das sie nicht löste und es machte ihr viel Spaß und Freude. Jonas hingegen hatte mit Computern, und allem was dazugehörte, nichts am Hut. Er war ein Künstler und malte bereits mit fünf Jahren realistische Aquarelle oder fantasievolle Bilder in Öl. Er verschlang Kunstbücher wie Martha Computerbücher und konnte Portraits genau so gut malen, wie abstrakte Konstrukte. Schon bald schmückten Jonas Bilder jede freie Wand im ganzen Haus, ganz zu schweigen von seinem Zimmer, das aus Farbe, Leinwänden und fertigen Bildern bestand. Er bekam seine eigenen Ausstellungen und seine Bilder gingen sogar für gutes Geld weg, das wiederum in Farbe, Leinwänden und Pinsel investiert wurde. Mike hatte allen Grund, stolz auf seine Kinder zu sein. Nur waren es nicht seine Kinder und er war nicht stolz. Im Gegensatz zu Jenny. Auch in der Schule waren Martha und Jonas Überflieger und schlossen sie genau so, wie die anderen Affenkinder, mit zwölf Jahren summa cum laude ab. Bei Martha wurde ein IQ von 152 festgestellt, bei Jonas von 143, womit er nicht nur der jüngste, sondern auch der am wenigsten intelligenteste der fünf war.