camera obscura

Ein geheimnisvoller Orientale, eine dunkle Kammer, und grausame Kräfte, die auf die anwesenden Menschen einwirken. Das ist „camera obscura“…

Genre: Horror
Wörter: 2.965
Erzählperspektive: Ich-Form (Gegenwart)
Datum: 26.05.2015

Teil 1

“Willkommen meine Herrschaften! Ich kann ihnen nicht im Ansatz erklären, wie erfreut ich bin, dass sie alle meiner Einladung gefolgt sind.” Das Lächeln des Mannes ist jovial, seine Stimme klingt angenehm, leicht rau, und weist nur einen Hauch Akzent auf. Und obwohl der Mann allem Anschein nach eine sympathische Gestalt ist, fröstelt es mich, und unwillkürlich ziehe ich die Ärmel meines Jacketts tiefer, bis weit über meine Handgelenke. Ich spiegle die Mimik des Gastgebers, lasse meine Blicke schweifen, betrachte all jene, die hier mit mir um ihn herum stehen, und neugierig abwarten, was er zu bieten hat. Als die Einladung mittels eines Botenjungen in die Redaktion gebracht wurde, war die Wahl zum Besuch der Veranstaltung auf mich gefallen, auch wenn nichts in dem schlicht gehaltenen Brief darauf hinwies, worum es sich genau handeln würde. Lediglich eine Sensation wurde versprochen, und eben jenes Wort war es, das meinen Vorgesetzten dazu veranlasste mich zu schicken. Dies, und die Tatsache, dass ich mehrere Jahre im Orient gelebt hatte, und unser Gastgeber scheinbar eben aus jenem Gebiet der Erde entstammt. Der Eindruck, den sein Name hinterlassen hatte, täuschte nicht. Aufmerksam betrachte ich ihn, den Mann, der sich, immer noch jovial lächelnd, an der offenkundigen Bewunderung der Menschen labt, die an seinen Lippen hängen, und jedes seiner Worte gierig in sich einzusaugen scheinen. Die gebräunte, bronzefarbene Haut, ist durchfurcht von Falten, und dennoch ist er nicht unattraktiv oder unansehnlich. Im Gegenteil. Sie vermitteln ihm einen Charakter von Würde und Weisheit. Die dunklen Augen bilden glänzende Obsidiane, die jedoch ohne einen Funken Wärme sind. Das Lächeln jedenfalls erreicht sie nicht. Fast kommt es mir vor, als seien wir Beutetiere und er der Jäger. Verwirrt schüttle ich meinen Kopf über meine Gedanken. Ich weiß nicht woher sie stammen. Der Mann hat nicht einen Moment den Eindruck vermittelt, dass er keine guten Absichten hegt. Und wenn ich in die Gesichter der Umstehenden blicke, dann sehe ich nichts außer Begeisterung, Bewunderung, Neugierde. Offenbar bin ich der einzige, dem es bei dem Anblick des in guten Tuch gehüllten Mannes kalt den Rücken hinab läuft. “Ich darf mich vorstellen, mein Name ist Badshah Agasheh”, erklärt unser Gastgeber mit sonorem Timbre in der Stimme. Erneut schauert es mich, meine Nackenhaare stellen sich auf. Ich bin mir wirklich nicht im Klaren darüber, woher meine heftigen Abwehrreaktionen stammen. Wo alle anderen doch so entzückt sind. Doch wenn ich ihn betrachte, dann sehe ich nichts. Vielleicht ist es das, was mich irritiert. Es erscheint mir, als sei dieser Mann gänzlich ohne eine Art von Aura. Oder er verbirgt sie gut. Und wenn ich in seine kohlschwarzen Augen blicke, dann ist es mir, als sähe ich in die Abgründe der Hölle.

Ohne genauer zuzuhören, wandere ich mit dem Pulk. Herr Agasheh geht bedächtig, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und verwickelt die Zuhörer in eine Geschichte. Sein Weg führt von der offenen Rasenfläche hinweg zu einer Art Zelt, welches unweit entfernt steht, und mich zum Teil an die Zelte der Beduinen erinnert. Doch schon schweifen meine Blicke erneut zu diesem ungewöhnlichen Mann mit dem sorgfältig gestutzten Bart, und den Haaren, die die Farbe von Pech haben. Vielleicht war ich ein wenig voreilig mit meiner Einschätzung er besäße keine Aura. Er ist mitnichten wie ein leeres Stück Papier, wie ich auf den zweiten Blick feststelle. Mit gerunzelter Stirn bemerke ich, dass diese fremdländische Gestalt sein wahres Ich äußerst sorgsam unter Verschluss hält, und wir alle Zeugen einer perfekt auferlegten Maske sind. Doch warum bin ich der einzige, der dies zu bemerken scheint? Die unverhohlene Bewunderung, die mir von allen Seiten zuströmt, und einzig Herrn Agasheh gilt, ist mir unverständlich und befremdet mich. Aber vielleicht ist es auch meine überschäumende Fantasie, die mir diesen Umstand vorgaukelt. Und von dieser habe ich reichlich. Seit ich zurück denken kann, habe ich mich dem Schreiben gewidmet, um der Phantastik meines Geistes Herr zu werden. Natürlich wurde ich Zeit meines Lebens dafür ausgelacht, doch das hielt mich nicht ab. Es ist wie ein Zwang, der mich dazu bringt, meine Geschichten niederzubringen, und mich den widerspenstigen Gedanken hinzugeben. Leider kann man kaum von dem Leben, was das Schreiben mit sich bringt, weswegen ich bei der Zeitung arbeite, und meine Kreativität dort verschwende. Aber es sichert mir meinen Unterhalt, ich kann gut essen und mich ordentlich kleiden. Und für das ein oder andere Spiel und Vergnügen ist zudem Geld da. Ich kenne kaum einen Schriftsteller, der in dieser Zeit von seiner Arbeit leben kann. Doch ich hoffe, dass sich schon bald das Lesen revolutioniert. Ein unangenehmes Gefühl, wie zäher Honig klebrig, lässt mich aus den Gedankengängen schrecken. Irritiert hebe ich den Kopf und starre erschrocken in die schwarzen Obsidiane meines Gastgebers. Sein Mund wird von einem spöttischen Lächeln geziert. “Langweile ich Sie mit meinen Ausführungen?” Lauernd ist sein Blick, eisige Kälte erfasst mich, wie ich sie im Leben noch nicht verspürt habe. Bilde ich es mir ein, oder wirkt er tatsächlich schwarz und dunkel wie die Finsternis selbst? Doch nach einem Wimpernschlag ist der Eindruck verschwunden. Vor mir steht wieder der freundliche, ältere Mann. Dies ist jedenfalls das, was er mich zu sehen glauben lässt. Mein Lächeln ist gezwungen. “Ganz und gar nicht. Bitte fahren Sie doch fort.” Nachdenklich mustert er mich noch einen Augenblick. Es scheint, er blickt ganz tief in mich, vielleicht sogar bis hinab in den Grund meiner Seele. Ich zwirble das Ende meines Schnurrbarts, und bemühe mich um einen kühlen Ausdruck. Obwohl es in meinem Inneren kocht.

Teil 2

Je mehr Zeit ich in der Anwesenheit der orientalischen Gestalt verbringe, umso weniger kann ich mich des Eindrucks erwehren, dass er eine Art Hypnose anwendet. Anders kann ich mir die unverhohlene Begeisterung der Anwesenden nicht erklären. Mann wie Frau hängt an seinen Lippen, verschlingt ihn förmlich. Die Blicke sind wie Liebkosungen, die über ihn gleiten, und er nimmt sie an sich, saugt sie in sich auf. Es ist wie ein Albdruck auf meiner Brust. Das Atmen fällt mir schwer. Vielleicht hätte ich nicht unmittelbar zuvor das Manuskript lesen sollen, welches mir ein guter Freund zukommen hatte lassen. Ein eigentümliches, doch faszinierend dunkles Machwerk von einem französischen Kollegen. Baudelaire ist sein Name. Ich kenne ihn nur flüchtig, und diese Bekanntschaft fußt lediglich auf der Tatsache, dass er die Werke meines Schriftstellerkollegen und Freundes Edgar übersetzte. Noch ist das Werk “Les Fleurs du Mal” nicht sehr bekannt, doch ich bin sicher, dass seine bösen Blumen bald in aller Munde sein werden. Obwohl so morbide und dunkel, so hässlich wie das Leben selbst, faszinierten mich die lyrischen Werke über alle Maßen, so dass ich sie in einem Rutsch verschlang. Ich bin froh, dass ich eine Ausbildung in der französischen Sprache genossen habe, denn sonst wäre mir dieser besondere Bissen der Lyrik vorenthalten geblieben. Ich bin mir sicher, dass Baudelaire eine große Zukunft bevorsteht, sobald die gängigen Konventionen sich erhaben zeigen über das geschriebene Wort. Es sind zu viele Fesseln der Gesellschaft, die unsere Geister binden, und ihnen den nötigen Freiraum verwehren, den sie zum blühen benötigen. Schon mein Freund Poe kämpfte damit. Gott möge seiner Seele gnädig sein. Vielleicht haben mich die Geschichten über die Blumen des Bösen verunsichert, oder warum erscheint mir der Mann wie das Böse in Menschengestalt? Wirklich ein Ausdruck meiner Fantasie? Oder ist es vielleicht die Gabe der Empathie, die mich zu der Furcht treibt? Ich bin ein guter Beobachter, denn diese Eigenschaft ist für das Schreiben unablässig. Ist es also Fantasie, Empathie oder Beobachtung? Vielleicht sind es alle drei Dinge, die mich zur Vorsicht mahnen.

Erneut aus meinen Gedanken gerissen, bemerke ich den Applaus der Umstehenden. Ohne zu wissen, warum er erfolgt, hebe ich meine Hände und schließe mich an. Ich möchte nicht auffallen, und bereits einmal hat unser Gastgeber mich dabei erwischt, wie ich abgeschweift bin. Eine unhöfliche Geste, dessen bin ich mir bewusst. Wieder quäle ich mir ein Lächeln auf die Lippen, widerstehe dem Drang das Weite zu suchen. Was auch immer er uns zeigen möchte, ich bin mir sicher, dass ich es nicht sehen will. Ein gieriger Ausdruck in seinen Augen bestärkt mich, doch ehe ich mich abwenden kann, werde ich mitsamt der Gesellschaft in das Zelt getrieben, die neugierig hinein strömt. Eine Flut von Schatten, verzerrten Gesichtern, hat sich um mich herum gebildet, nimmt mir die Luft zum Atmen. Schreckliche Kälte lähmt mich. Selbst wenn ich es versuchte, ich käme keine fünf Schritte weit. Dann ist es urplötzlich vollkommen finster um mich herum. Tiefe Schwärze umhüllt mich und die anderen. Man sieht die Hand vor den Augen nicht. Wo sind wir? Nervöses Lachen und Räuspern erfüllt den Raum, doch ich kann keine Spur einer Panik erkennen. Offenbar wussten meine Mitstreiter, worauf sie sich einlassen. Hätte ich doch besser zugehört! Obschon sich automatisch alle zusammendrängen, bemühe ich mich um einen Platz am Rand des Geschehens. Nach einigen Augenblicken bemerke ich, wie das Atmen schwerer wird, die Luft ist schal und abgestanden. Und fünfzehn weitere Menschen auf diesem engen Raum, machen die Angelegenheit nicht besser. Um mich von derlei Gedanken abzulenken, beginne ich in dieser Schwärze mit meinen Händen die Begrenzung abzutasten. Kein Lufthauch weht hinein, kein Lichtpartikel bricht sich. Erstaunt über meine eigene Ruhe, befühle ich jedes Stück, welches unter meine Finger gerät. Ein empörter Ruf lässt mich innehalten. Ganz offenbar habe ich bei meiner Erkundung zu forsch meine Hände wirken lassen, und einen meiner Kollegen aufdringlich berührt. “Verzeihen Sie. Wissen Sie, was das hier ist?” Sein nervöses Lachen ertönt unmittelbar vor mir, sodass ich erschrocken zusammenzucke. “Sie haben nicht zugehört, werter Kollege?” Beschämt stimme ich zu. “Ich war zu fasziniert von diesem Herrn.” Erneut ertönt dieses Lachen, diesmal etwas weiter Rechts von mir. “So geht es Ihnen ähnlich wie uns anderen auch. Wobei ich mich nun frage, warum es so ist.” Nun wirkt seine Stimme nachdenklich. Gern hätte ich ihm ins Gesicht gesehen, doch die endlose Dunkelheit um uns herum lässt dies nicht zu. “Camera obscura”, sagt er plötzlich, doch weil ich meine Frage bereits wieder vergessen habe, weiß ich nicht, was er meint. “Wie meinen?” “Sie fragten doch, ob ich wüsste, was dies hier darstellt. Der Orientale sagte, dass es sich um eine camera obscura handelt.”

Camera obscura? Nachdenklich starre ich in die finsterste Schwärze, die ich mir vorstellen kann, während verteilt in dem kleinen Zelt immer öfter ein nervöses Kichern der anwesenden Ehefrauen zu hören ist, und murmelnde Stimmen von Männer, die sie offensichtlich beruhigen wollen. Viele meiner Kollegen haben die Gelegenheit genutzt, und eine Art Familienausflug daraus gemacht. Nur Kinder sind keine anwesend, und ich bin unsagbar froh darüber. Egal was uns bevorstehen mag, ich bin der festen Überzeugung, dass es nichts Gutes sein wird. Ich drehe mich einmal um meine eigene Achse, stoße gegen einen Körper, und beachte es nicht weiter. Die Orientierung habe ich längst verloren. Ich glaube, ich hörte schon von diesem Wunderwerk, mit dem lateinischen Namen. Eine visuelle Spielerei, wenn ich mich recht entsinne. Bilder, die durch die physikalischen Gesetze der Lichtbrechung projiziert werden. Auf der einen Seite bin ich neugierig, denn ich hatte noch nie das Vergnügen, etwas dergleichen mit eigenen Augen zu sehen. Auf der anderen Seite wird der Drang zur Flucht so übermächtig, dass ich linkisch vorwärts stolpere, in der Hoffnung, wieder auf die Begrenzung des Zeltes zu treffen. Meine Hoffnung bezieht sich darauf, dass eine solche Behausung lediglich durch Stoff abgetrennt wird vom Rest der Welt, und es ein leichtes sein sollte, dort eine Stelle zu finden, durch die ich hinaus schlüpfen kann. Aber ich werde eines Besseren belehrt, als ich tatsächlich gegen die Zeltwand pralle, die unvermittelt vor mir auftaucht. Nur ist es kein Stoff, der mir einen schmerzhaften Fleck auf der Stirn beschert. Hart wie Stein hat es mich getroffen, und ich frage mich, wie das möglich ist. Es war doch ein Zelt, welches ich erblickt hatte, oder? Auch meine Hände ertasten nichts, was mir helfen würde, dem hier zu entkommen. Eine einzige Wand aus Stein, scheinbar ohne Ausgang. Die Verwirrung in mir wird immer größer, die Angst stärker. Ich bin sicher kein furchtsamer Mensch, hielt mich im Gegenteil stets für sehr tapfer und besonnen in Situationen, in denen andere in Panik geraten. Ein Umstand, der mir in meiner Zeit im Orient oft hilfreich war. Doch im Moment droht mich das Gefühl zu ersticken, und übermächtig steigt Panik in mir auf, will sich Bahn brechen. Tief durchatmend bemühe ich mich um Ruhe, und es funktioniert. Nach einigen Atemzügen fühle ich mich ruhiger. Und besonnener. Mit Logik betrachtet, ist nichts geschehen, das solche Reaktionen rechtfertigt. Wir stehen lediglich in einem pechschwarzen Raum, der scheinbar keine Tür und keine Fenster hat. Hingeführt von einem mysteriösen Mann, der mir die kalte Angst über den Körper jagt. Und es passiert absolut nichts. Nun kann ich doch nicht verhindern, dass ein leises Geräusch meiner Kehle entrinnt, das entfernt an ein hysterisches Kichern erinnert. Ich reiße mich zusammen. Herrgott, du bist ein gestandener Mann! Überlasse solche Geräusche den Frauen und Kindern. Wieder zwinge ich mich zur Ruhe, denke nach, versuche weiterhin, mich nicht von irrationalen Gedanken und Ängsten beherrschen zu lassen. Es fällt mir nicht leicht, denn wie gesagt, meine Fantasie ist sehr ausgeprägt.

Das unmittelbare, kollektive und scheinbar erschrockene Aufseufzen, welches durch den Raum schallt wie ein Echo aus dem Reich der Toten, lässt mich herum fahren und nach dem Grund dafür suchen. Und tatsächlich, unweit von mir entfernt, erscheint ein Bild auf der Wand. Bevor ich mich davon gefangen nehmen lasse, wandert mein Blick den Lichtstrahl entlang, verfolgt seinen Weg zu dem kleinen Loch, aus dem er kommt. Nur ganz schemenhaft kann ich erkennen, wie alle gebannt auf das starren, was sich ihnen dort präsentiert. Doch mein Weg ist ein anderer. Durch die scheinbare durchlässigen Schatten der Körper der Anwesenden, dränge ich mich hin zu dem Quell des dünnen Strahls aus Licht. Noch so ein Rätsel, welches mich beschäftigt, und über alle Maßen beunruhigt. Trotz der drängenden Enge in dem Raum, und der vielen Körper darin, wirft sich das Licht dennoch an die Wand, obwohl es durch die festen Körper ausgebremst sein sollte. Mittlerweile sind meine Handflächen verschwitzt, und ebenso perlt Schweiß über meine Stirn. Hitze und abgestandene Luft, Furcht und Beklemmung, zollen ihren Tribut an mir. Bevor ich das Loch erreiche, lenken mich die Menschen erneut ab. Ein einziges gequältes Stöhnen erfüllt das Zelt. Als ich mich umdrehe, und auf die Bilder an der Wand starre, wird mir klar warum. Obwohl dort nur ein einziges Abbild stehen sollte, läuft eine Folge von Bildern ab, die mir kalte Schauer über den Rücken jagen. Das ist unmöglich. Wie kann es sein, dass sich vor meinem Auge ganze Szenen abspielen, als stünden dort Schauspieler, die sie darstellen? Und diese sind so grauenhaft, dass sie sich mir ins Auge brennen, und einen harten Kloß in meinem Magen bilden. Der Angstschweiß fließt in Strömen über mein Gesicht, und doch kann ich meinen Blick nicht abwenden. Wie gebannt bin ich, geradezu hypnotisiert. Ich kann nicht anders, und lasse mich gefangen nehmen.

Ein wahres Crescendo der Grausamkeit spielt sich vor meinen Augen ab. Szenen, wie sie nur aus der Hölle selbst stammen können. Kreaturen der Finsternis, entstellt, mit grauenhaften Auswüchsen, Verstümmelungen, und eindeutig nicht von dieser Welt, die mit boshaft verzerrten Gesichtern und aufgerissenen Löchern, die wohl Münder darstellen sollen, über die richten, die sich vor ihnen winden und quälen. Sie schlagen, sie foltern die Menschen zu ihren Füßen. Die seltsamsten Gerätschaften unterstützen sie dabei. Werkzeuge, wie sie sich nur der Fürst der Finsternis selbst ausdenken könnte. Glühende Stäbe, zangengleiche Instrumente, seltsam gezackte und geformte Messer. All dies verbrennt, ersticht, schlitzt die Körper auf. Ein Albtraum, aus dem es kein erwachen gibt. Und während ich zwanghaft zusehe, wie diese armen Menschen von diesen bösartigen Kreaturen gequält werden, passiert etwas mit mir. Es ist nicht mehr einzig das Gefühl von Grauen, welches mich erfüllt. Auch nicht die Angst, die mich paralysiert. Es fühlt sich an, als trenne ich mich von mir selbst. Ein seltsames Kribbeln in meinen Gliedern lässt mich an widerliche Tierchen denken, die sich über mich hermachen. Gefräßigen Käfern gleich, scheinen sie mich Stück für Stück zu demontieren. Mit größter Mühe schaffe ich es, meinen Arm anzuheben. Und was ich sehen kann, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich weiß jetzt, dass ich verloren bin. Während das schwache Licht der grauenhaften Bilder durch den Raum streift, erkenne ich, dass sich mein Körper tatsächlich in der Auflösung befindet. Ein schwarzes Stück nach dem anderen trennt sich von meinem Arm, wird in Richtung des Schauspiels gezogen. Schon ist meine Hand verschwunden, und nur noch ein Stumpf erkennbar, bald darauf fehlt der Unterarm. Das gleiche vollzieht sich mit meinem anderen Arm. Ich kann nur hilflos dabei zusehen, wie ich mich auflöse, teile, verschwinde, in die furchtbare Szenerie gesogen werde, die sich noch immer vor meinen Augen abspielt. Ein Stöhnen entrinnt sich mir, mischt sich mit dem Stöhnen der anderen Gequälten, die mit mir in diesem Raum stehen, und das gleiche Schicksal erleiden wie ich. Hunderte, nein Tausende, kleine schwarze Partikelchen fliegen auf das erhellte Viereck an der Wand zu, verschmelzen damit, verschwinden darin. Die grausamsten Geräusche fluten den Raum. Auf den Boden klatschende Körperteile, die durch nichts mehr gehalten sind, kurz bevor sie sich ebenfalls auflösen. Das klappern von Knochen auf Stein. Laute der Qual. Verzerrte Stimmen von Schmerz. Meine Haut scheint zu brennen. Es fühlt sich an, als stünde ich im Höllenfeuer. Als ich denke, dass ich es nicht mehr ertragen kann, dass es keine Steigerung mehr geben kann, werde ich erneut eines Besseren belehrt. Ganz deutlich kann ich spüren, wie sich meine Seele von dem trennt, was einmal mein Körper gewesen ist. In einem verlorenen Kampf wird sie zähen Honigs gleich aus mir gesogen. Und das letzte, was ich noch bewusst wahrnehmen, hören kann, ist ein tiefes, hämisches Lachen. Und die Stimme des Orientalen, die laut durch die Umgebung tönt: “Ihr dummen, dummen Menschen.”