Götterdämmerung

Wahn oder Wirklichkeit? Vision oder Albtraum? Als die Protagonistin plötzlich merkwürdige Bilder sieht und sich ihre Umgebung verändert, glaubt sie zunächst daran den Verstand zu verlieren. Doch was wäre, wenn plötzlich ein Blick in die Zukunft möglich wäre? Oder ein Blick in ein anderes Universum?

Diese kleine Novelle bringt vielleicht eine Antwort. Ob du sie lesen willst?

Wörter: 34.847
Kapitel: 17
Erzählperspektive: Ich-Form (Vergangenheit)
Datum: August 2012

 

Kapitel 1

Es war einer dieser Tage. Es ist furchtbar diese Phrase zu benutzen, aber es war einer dieser Tage. Man steht auf, man schaut raus und obwohl alles normal ist, die Sonne scheint und nichts auf etwas hinwies, was vielleicht abweichen würde, wusste man, dieser Tag ist jetzt schon grausam und man ist froh wieder im Bett zu liegen und ihn zu verschlafen. Freilich hofft man immer, dass dieser Kelch an einem vorbei ging, und meistens hatte man Glück, aber eben nur meistens. Es gab auch die Tage, an denen sich Hoffnungen genauso wenig erfüllten wie Träume. Ich musste einkaufen und wirklich jeder Einwand, jede Ausrede half nichts, ich musste raus, denn spätestens, wenn meine Katzen nichts mehr zu futtern hatten, dann hatte ich keine Wahl. Ich konnte ja ein paar Tage auf dies oder jenes verzichten, solange ich nur irgendwas zu essen fand, aber das galt in keinem Fall für meine Katzen. Zudem wurde mein Tabak knapp, und so gelassen ich in Bezug auf Essen war, so nervös war ich in Bezug auf meine größte Sucht, das Rauchen. Es stand also fest, dass ich einkaufen gehen musste. Und wenn sich dass für Sie gezwungen anhört, so seien Sie versichert, dass es auch gezwungen war, denn ich war nicht gerade der Typ, der gern unter Menschen ging. Ich war vollkommen zufrieden in meiner Wohnung und in meiner kleinen Welt dort und mochte alles, was da draußen lauerte, nicht besonders. Das war nicht immer so, und je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es, aber das ließ sich nun mal nicht ändern. Man konnte sich mit Dingen abfinden und man konnte Dinge bekämpfen. Dies war eins der Dinge, mit denen ich mich, zugegebenermaßen sehr schnell und sehr erbaut, abgefunden und sogar angefreundet hatte. Man mochte mich ein wenig schrullig nennen, vielleicht auch ein wenig mehr – die Katzenlady, die Einsiedlerin, die, über die sich später Kinder lustig machen würden – aber das war mir egal. Ich gebe zu, dass ich ein wenig komisch und sicher kein „Standard“ bin und auch wenn ich nicht stolz darauf bin, so hinterlässt es aber auch kein schlechtes Gefühl in mir, keinen fahlen Nachgeschmack. Nun gut, ich bin nicht sicher, was man sich im Laufe der Zeit so einreden kann – und es glaubt – aber nehmen wir das einfach mal so hin. So war das damals einfach. Jetzt meinen Sie bestimmt, ich sei schon eine „alte“ Frau, die Blüte des Lebens hinter mir, im letzten Drittel meines Lebens, die, die Abends im Schaukelstuhl sitzt und strickt, während ein Duzend Katzen um mich herum schwirren. Nun, ich bin vor drei Monaten 36 Jahre alt geworden. Überrascht? Ich habe auch kein Duzend Katzen, nur zwei, aber die liebe ich über alles. Trotzdem werden es niemals mehr werden. Nicht immer ist ein Klischee ein Klischee.

Ums Einkaufen kam ich ja nun nicht drum herum und so machte ich mich fertig und ging runter. Die Bushaltestelle ist genau gegenüber meiner Wohnung und das ist einfach perfekt. Ich fuhr immer nur öffentliche Verkehrsmittel, denn ich habe keinen Führerschein und würde auch keinen mehr machen. Früher vielleicht, wenn man seine Sturm-und-Drang-Phase hat, die Welt einem Untertan ist und man mit einer Lässigkeit an manche Dinge ran ging, bei denen man sich in 10 Jahren die Hände vor den Mund schlug und quietschte, fassungslos, dass man sowas mal gemacht hatte, dann ist die richtige Zeit für einen Führerschein, weil man nicht an das Risiko denkt, sondern an den Fahrspaß und weil man sich für unsterblich hält und deswegen gern Autobahn fährt. Ich kann zwar nicht für alle Menschen dieser Welt reden, aber ich wusste, dass ich schon mit 30 all das nicht mehr konnte und fahren würde als wäre ich 80 Jahre und vielleicht würde ich es sogar ganz lassen, wenn meine Nerven nicht mitmachen würden. Nein, öffentliche Verkehrsmittel waren für mich vollkommen in Ordnung, ich hatte mich im Laufe der Jahre wunderbar damit arrangiert und konnte es mir auch gar nicht mehr anders vorstellen. Das einkaufen war ein wenig umständlich, zugegeben, aber auch damit kann man sich arrangieren und manchmal war ein guter Freund so nett, ein-zwei Stunden seiner Zeit zu opfern um einen Großeinkauf zu machen. Das kam nicht oft vor, denn dafür brauchte man ein bisschen Geld und wenn eins fast immer knapp bei mir war, dann Geld. Sie können sicher erraten, dass ich damals nicht arbeiten ging und im Laufe der Geschichte, die ich hier aufschreibe, während ich hoffe, ich schaffe es und mich doch in Kleinigkeiten verliere, das mögen Sie mir verzeihen, werden Sie noch erfahren warum. Ich möchte mich noch einmal dafür entschuldigen, dass Sie wahrscheinlich viele Kleinigkeiten lesen werden, die mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben, doch dies hier ist vielleicht das Letzte sinnvolle was ich tun werde und irgendeine irrationale Ecke meines Gehirns hofft, dass, solange ich schreibe, mir die Zeit dafür geschenkt wird, bevor ich mich endgültig im ewigen Dunkel verliere. Kennen Sie das Sprichwort „Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter“? So in etwa sind meine Gefühle, nur dass ich hoffe, dass ich solange nicht in den Abgrund springen muss, wie ich hier schreibe.

Während ich also auf den Bus wartete und die Augen gegen die Sonne zukniff und die Tränen fortwischte, die sich im Augenwinkel sammelten – nicht etwa weil ich geweint hätte, aber ich bin unheimlich lichtempfindlich und hatte genau an diesem Tag meine Sonnenbrille zu Hause vergessen – fing das Zwiegespräch an. Das stellt sich bei mir meistens ein, wenn ich raus muss und gerade im Bus kann man so herrlich darüber nachdenken. Kennen Sie diese Zwiegespräche? Diskussionen, Fragen, die man nur mit sich selbst führen und stellen kann? Sie haben eine unheimliche Bedeutung für mich, und weil ich glaube, dass Niemand das erkennen kann, Niemand es verstehen kann, ja nicht einmal dass ich es wirklich artikulieren könnte, erzähle ich nur selten davon, obwohl sicher jeder meiner Freunde das größte Verständnis und natürlich auch die Intelligenz dafür hätte. Ich bin wirklich nicht arrogant, aber es gibt vieles, das ich nicht aussprechen kann, aber diese Dinge müssen diskutiert werden, also diskutiere ich sie mit mir selbst. Und das reichlich, denn mein Gehirn steht niemals still, hört niemals auf zu ticken, lässt mich niemals in Ruhe. Es rotiert wie ein sorgsam gepflegtes Auto vor sich hin und produziert so viele Gedanken, dass man sie nicht zählen könnte. Es gibt keinen Tag, keine Nacht, in der das nicht passiert und je intensiver ich darüber nachdenke, desto mehr verliere ich mich darin. Das ist kein Witz oder eine Phrase, ich verliere mich wirklich. Plötzlich sind drei Stunden vergangen und ich habe nichts getan, außer zu denken. Ich könnte ganze Bibliotheken damit füllen und auch wenn Sie jetzt sagen „Natürlich denkt jeder zu jeder Zeit“, so ist das nicht ganz richtig. Das erklärt es nicht im Mindesten. Aber wie soll man etwas erklären, dass man nicht erklären kann? Ich fürchte, dass müssen Sie jetzt einfach so hinnehmen, auch wenn mir das nicht gefällt. Aber sie können mir glauben: denken ist nicht gleich denken. Bin ich überheblich? Vielleicht. Ich bin klug und auch recht intelligent, aber nicht auf die gute Weise, auf die vernünftige Weise. Und das ist vielleicht das eigentlich tragische. Vielleicht hätte ich wirklich mal was richtig Gutes werden können, was Gutes leisten können, wenn es auf die vernünftige Weise gewesen wäre, aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Wie ich schon mal sagte, man kann sich mit Dingen abfinden und man kann gegen Dinge kämpfen. Irgendwann hab ich mich abgefunden.

Ich wartete also und hatte keinen Blick für meine Umwelt oder die Leute, die ebenfalls an der Haltestelle warteten. Das habe ich selten und wenn dann nur, wenn sie eine „Übertretung“ begehen, die in meinen Augen eine ist. Zuviel Lärm gehört z.B. dazu. Ich sagte ja schon, dass ich Menschen nicht besonders mag. Kaum zu glauben, dass ICH Freunde habe, oder? Und zwar richtig gute, die, auf die man sich verlassen kann. Ich kann es manchmal selbst nicht glauben und auch wenn ich denke, sie haben mich nicht im Geringsten verdient, so bin ich trotzdem stolz und glücklich über diese Tatsache. Ich liebe jeden von ihnen auf andere Weise und ich weiß, sie lieben mich und auch wenn ich das immer wieder erstaunlich finde, ich bin unendlich dankbar. Und das schreibe ich nicht nur, weil sie die ersten sein werden, die das hier lesen werden und ich ihnen schmeicheln will, sondern weil es einfach so ist. Jemand, der nicht mal in die eigene Familie so recht hinein passt, weiß wohl die wunderbare Freundschaft um so mehr zu schätzen, vor allem wenn ihm klar ist, dass er selbst ein sehr schwieriger Mensch ist. Und darüber habe ich mir niemals Illusionen gemacht.

Mein Zwiegespräch fing mit einer Frage an: Wie kann man jemals darüber hinweg kommen? Es ist wohl keine Überraschung, dass ich damit eigentlich meinte: Wie kann man jemals über die große, verlorene Liebe hinwegkommen? Aber in meinen Zwiegesprächen weiß ich ja worum es geht und deshalb halte ich mich zumindest in den Grundsätzen meistens kurz. Ich meinte auch nicht Liebe, ich meinte Liebe und da gibt es einen himmelweiten Unterschied. Ich meinte die Liebe des Lebens, die, die man niemals vergisst. Die, für die man ohne zu zögern sterben würde. Diese Liebe, die zwei junge Leute in den Tod getrieben hatte, die bekannteste Liebesgeschichte der Welt: Romeo und Julia. Wer jemals SO geliebt hatte, der weiß, was ich mit Unterschied meine. Wer nicht, dem wünsche ich, dass er es erfahren wird und dann wird er mir zustimmen. Es gibt Liebe und es gibt Liebe und auch wenn beides für ein Leben reicht, reicht nur eine davon für den Tod. So melodramatisch das auch klingen mag, aber vielleicht wissen Sie ja wirklich was ich meine. So zu lieben ist wie ein Wunder und wenn man diese Liebe verliert, dann ist das der Untergang. Und das meine ich wörtlich. Und wenn Sie jetzt sagen, dass das eine völlige Übertreibung ist und das man halt irgendwann darüber wegkommt, dann tut es mir leid, aber dann haben sie niemals so geliebt. Das selbst die größte, reinste und schönste Liebe manchmal nicht für ein Leben miteinander reicht, war wohl so ziemlich die schlimmste Erkenntnis, die mich je getroffen hat. Dass zwei Menschen auseinander gehen, obwohl sie sich wirklich lieben, ist genauso hart und unnatürlich. Dein Herz zerbricht und du weißt, du wirst niemals mehr im Leben so glücklich, so vollkommen, so einig sein und damit musst du klar kommen. Was mich zurück führte zur Ausgangsfrage: Wie kann, wie soll, man jemals darüber hinweg kommen? Ich kam zu dem Schluss, dass man da niemals wirklich drüber hinweg kommt. Man macht weiter, man lebt das, was vom Leben übrig geblieben ist, versucht alles wieder auf die Reihe zu kriegen, irgendwie vorwärts zu kommen, auch wenn man eigentlich fünf Schritte zurück will. Noch mal auf Anfang. Noch mal von vorn. Diesmal wird alles besser. Nur dass man diese Chance niemals erhält. Man sucht die Bruchstücke von sich, die irgendwo rumliegen und die meisten bekommt man niemals zurück, weil deine große Liebe sie mit sich genommen hat. Du schaust in den Spiegel und fühlst dich unvollständig und auch wenn du es versuchst, das irgendwie zu kompensieren, komplett fühlst du dich nie wieder. Das klingt dramatisch? Ja, das ist es vielleicht, aber so sind Zwiegespräche manchmal einfach. Und die Liebe ist es sowieso. Man kann jetzt durchaus berechtigt anführen, dass die Liebe ja so groß nicht gewesen sein kann, wenn sie zerbrochen ist. Wenn sie mich jetzt sähen, dann würden sie ein bitteres, leises Lächeln um meine Lippen sehen, denn ich weiß es einfach besser. „Sometimes love is not enough“, um mal eine deutsche Gothic-Band zu zitieren und bei Gott ja, manchmal ist Liebe nicht genug. Leider. Ich wünschte, es wäre anders, aber ich bin ein Realist. Also macht man weiter und irgendwann ist es besser. Nicht gut, nicht sehr gut, nicht vergessen, aber besser. Trotzdem sind Jahrestage ein Greul und manchmal reicht ein Duft, von irgendeiner Person in der Stadt, aus, dass man plötzlich wieder da ist und man dreht sich um und lächelt und alles wird gut, doch man ist alleine und der Geruch verflüchtigt sich schon, während man versucht die aufkeimenden Gefühle niederzudrücken, weil es einfach unpassend wäre, jetzt hier zu weinen. Und manchmal gibt es so Tage, Tage wie dieser einer war, an denen man daran dachte, ohne das etwas vorgefallen wäre, ohne das ein Jahrestag anstand, einfach weil es so war und weil man manchmal besser damit klar kam und manchmal nicht. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, das ist ein weit verbreiteter Irrglauben. Sie macht es vielleicht besser, aber heilen? Nein, niemals. Ehrlich gesagt ist meine Meinung, dass sie es sogar manchmal viel schlimmer macht. Zeit ist so trügerisch und das Gedächtnis auch. Denn irgendwann sieht man nur noch das Gute, aber man versteht nicht mehr, warum es zerbrochen ist, weil das Schlechte im Geist verloren gegangen ist. Die Erinnerungen werden goldener, schöner und perfekter, bis man sich irgendwann fragt: Wieso ist er eigentlich nicht hier? Es war doch alles perfekt. Nun, dass es das nicht war, sieht man daran, dass er nicht da ist und irgendwo ist es einem auch klar, aber ein anderer Teil… wie schon gesagt, die Erinnerung kann wirklich trügerisch sein.

Am Zielort angekommen war ich dann auch an diesem Punkt angelangt, dem Fazit: Man kommt niemals darüber hinweg. Man könnte meinen, die Fahrt hätte ewig gedauert, denn ich schreibe hier ja nur die Grundgedanken auf, aber in Wirklichkeit hat alles nicht länger als vielleicht 15 Minuten gedauert. Wenn man einmal drin ist, dann geht es, wie eine Waschmaschine im Schleudergang. Als ich aus dem Bus ausstieg, war ich immer noch in Gedanken versunken, diesmal in Erinnerungen und voller Bilder von anderen Zeiten, die eindeutig besser waren und die so lange zurück lagen, dass ich immer wieder über ihre gestochene Schärfe erstaunt war. Manchmal erinnere ich mich nur nebulös an das was am vorigen Tag war, geschweigen denn davor, aber wenn es um die Zeit vor 12 Jahren ging (oder vor dreien, aber dazu später), dann waren die Bilder so scharf, wie von einer Digitalkamera aufgenommen für die Ewigkeit. Ich ging zum Geldautomaten und kam auch sofort dran, was an und für sich recht verwunderlich ist, denn dort ist eigentlich immer was los und mir war es mehr als recht. Zum Glück ist das alles für mich absolute Routine, ohne dass ich größer drüber nachdenken müsste, denn so konnte ich noch ein wenig länger den Bildern und Erinnerungen nachhängen, bevor ich mich ins Chaos stürzte und versuchte einzukaufen, ohne irgendetwas dummes anzustellen. Und mit dumm, meine ich dumm. Wie zum Beispiel Leute beleidigen oder anrempeln oder vielleicht sogar Amok zu laufen. Ich weiß, ich sollte das näher erklären, aber das werde ich an anderer Stelle tun, denn ich möchte endlich zum Punkt kommen, warum dieser Tag so besonders war, dass ich mich heute noch an ihn erinnere, als wäre er gestern gewesen, genau wie so viele nachfolgende Tage, auf die ich auch noch kommen werde. Alles nacheinander, alles in einer Reihe, wie eine Kompanie Soldaten beim Apell. Ich entnahm gerade meine Karte und dann mein Geld, als ich spürte, dass sich etwas verändert hatte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ich sah es (noch) nicht, aber ich spürte genau, dass sich etwas verändert hatte und es dauerte einen Augenblick, in dem ich auf den Geldautomaten starrte, bis ich darauf kam, was es war. Es war die absolute Stille. Wenn man in der Stadt lebt, dann hört man immer Geräusche, auch wenn man sie vielleicht nicht mehr bewusst wahrnimmt. Es gibt immer Autos, die Lärm machen, immer irgendwen, der eine Arbeit draußen verrichtet, ein Bus, der an der Haltestelle hält, Menschen, die sich unterhalten, lachen, sich räuspern, Absätze auf dem Asphalt, Vögel am Himmel und und und. Ich stand mitten in der Stadt, an einer viel belebten Haltestelle, vor einer Bank, kurz neben einer Straße und hörte absolut nichts. Es war so still, dass mir das Blut in den Ohren dröhnte und ich sogar mein Herz schlagen hören konnte. Und noch etwas fiel mir auf, noch bevor ich mich langsam umdrehte, wie in Zeitlupe, voller Verwunderung, weniger Angst, nämlich, dass ich mich unglaublich einsam fühlte. Im Prinzip ist Einsamkeit etwas, dass mir nicht fremd war und die ich irgendwie immer in mir fühlte, doch diese Einsamkeit, gepaart mit dieser Stille, war so umfassend und schwer und drückte wie die Hitze auf mich ein, die entsteht, kurz bevor sich ein Hitzegewitter entlädt. Mir brach der Schweiß aus und noch bevor ich mich vergewisserte, wusste ich, dass ich vollkommen alleine war.

Ich war tatsächlich alleine und das überraschte mich nicht im Geringsten. Irgendwie überraschte mich die ganze Situation nicht sonderlich, obwohl sie es verdammt noch mal sollte. Mir kam auch nicht einmal das Wort „unmöglich“ in den Sinn oder „das kann nicht sein“ oder etwas Ähnliches. Ich starrte einfach nur auf das was ich sah und nicht sah und runzelte die Stirn, als ich überlegte: was sehe ich denn genau? Mal davon abgesehen, dass ich nicht eine Menschen- oder Tierseele sah, kein Auto und keinen Bus, nicht mal eine Zeitung oder den berühmten vorbeirauschenden Busch, hob ich den Kopf leicht und begutachtete, anders kann man das nicht nennen, das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Das Gebäude, dass im Rahmen der Stadtaufbesserung vor etlichen Jahren gebaut wurde und eine Vielzahl von Geschäften, die Stadtbücherei, eine Personenverleihfirma, das Bürgerbüro, eine Bäckerei und viele andere Sachen, an die ich mich nicht so genau erinnere, beherbergte, und das immer hoch frequentiert über den Haltestellen thronte, noch fast neu und sauber, aussah wie ein düsteres Gerippe einer lang vergessenen Zeit, ohne Fenster, ohne Putz, grau mit schwarzen Schlieren und aus jedem Fenster ohne Glas starrte nur Finsternis und Leere zurück, dem Verfall preis gegeben, ausgebrannt und traurig. Ich hab mal in einem Kalender Bilder unserer Stadt gesehen, kurz nach dem großen Bombenangriff der Alliierten im zweiten Weltkrieg, und ich musste unwillkürlich daran denken, denn dieses Gebäude sah genauso aus wie die Häuser in diesem Kalender. Ich dachte überhaupt nicht daran den Blick zu schwenken, mir die anderen Gebäude anzusehen, zu vergleichen, mir einen Überblick zu verschaffen, denn ich starrte fasziniert rüber, in die leeren Fenster und endlich kam mir in den Sinn: Was ist hier passiert? Ich wusste es nicht und es ging über meinen Verstand hinaus. Ein unendlicher Schmerz fuhr durch meinen Kopf und ich kniff die Augen zusammen, ein erstickter Laut entrang sich meiner Lippen und ich presste die Hände gegen die Schläfen. Das ging über meinen Verstand, so schwer wie eine Kanonenkugel ging es auf mich nieder und brannte sich in mein Gehirn. Vielleicht ist das Letzte, was ich sehen werde, genau dieses Bild, wundern würde es mich nicht.

Etwas Schweres legte sich auf meine Schulter und drückte zu. Der Schmerz in meinem Kopf verschwand langsam und ich öffnete wieder die Augen. Und genauso, wie ich in die besorgten Augen eines Mannes sah, genauso hörte ich wieder all das, was man eben in einer Stadt so hört. Autos, Busse, Stimmen, Menschen. Ich blinzelte kurz über die Schulter des Mannes und war nicht überrascht, als ich sah, dass das soeben betrachtete Gebäude wieder neu und sauber war, voller Geschäfte und Menschen, rot und neu. Ich war nicht mehr alleine und alles war wie zuvor, obwohl es das für mich nicht mehr war. Ich denke, dass ist durchaus verständlich. „Alles in Ordnung?“ sagte der Mann, der mich immer noch besorgt musterte und ich sah, dass die Schlange vor dem Geldautomaten endlos und ich das einzige Hindernis zum Topf mit dem Gold war. Ich nickte, zuerst langsam, dann etwas fester und rang mir ein Lächeln ab, das wohl einigermaßen glaubhaft wirkte, denn er lächelte zurück, während ich hinter ihm Beschimpfungen und unzufriedenes Gemurmel hörte. Doch die blauen Augen vor mir sahen einfach nur besorgt drein, auch wenn sich der Ausdruck langsam änderte. „Ja… ja, alles in Ordnung. Danke. Mir war nur etwas schwindelig. Bitte entschuldigen sie, dass ich hier alles aufhalte. Ich.. ich werde sofort zur Seite gehen“. Er nickte und verlor sein Interesse und ich war froh. Ich trat beiseite und ging an der Schlange vorbei, mit gesenktem Kopf und peinlich berührt, und kramte in meiner Tasche herum um die Geldbörse zu verstauen. Ich ging einkaufen, was hätte ich auch sonst tun sollen? Ich brauchte immer noch Katzenfutter und Tabak und auch, wenn ich mich ein wenig benebelt fühlte, so machte ich nichts Dummes. Und auch darüber war ich sehr froh.

Kapitel 2

Es wird Sie vielleicht überraschen, dass ich vorläufig gar nicht weiter über diese, wie soll ich es nennen, Vision?, nachdachte. Andere Dinge standen an, unangenehme Dinge, Dinge, die mich für den Moment wesentlich mehr erschütterten, als das was dort in der Stadt passiert war. Vielleicht verdrängte ich einfach nur, weil der rationale Teil meines Gehirnes sich einfach weigerte zu glauben, was er gesehen hatte, obwohl der irrationale Teil – und zugegebenermaßen auch ein ganzer Klops des rationalen Teils – der festen Überzeugung war, dass das, was ich gesehen hatte, durchaus real gewesen war. Ich war mir absolut sicher, dass ich mir nichts eingebildet hatte. Freilich fehlte es mir an vernünftigen Erklärungen, aber zunächst suchte ich auch nicht weiter danach. Nein, ich dachte nicht weiter darüber nach, jedenfalls zuerst nicht, und widmete mich den anderen Dingen. Auch wenn ich noch am Vormittag dachte, dass es eigentlich kein besonderer Tag war, so war er doch in mehreren Punkten doch noch besonders. Zum einen natürlich wegen meines Erlebnisses, aber zum anderen war doch ein Jahrestag und das wusste ich eigentlich auch, im Unterbewusstsein war er fest verankert, aber andere Sachen hatten mich wohl abgelenkt. Vielleicht war es aber auch kein Zufall, dass ich gerade an diesem Tag dieses Gespräch über die Liebe mit mir selbst hatte, weil mein Unterbewusstsein wusste, heute war Jahrestag. Allerdings keiner, der meine wirklich große Liebe betraf. Aber so ähnlich.

Bevor ich Erik über den Weg lief, war ich mit Marc zusammen gewesen. Und das schon ziemlich lange Zeit. Genauer gesagt seit über sieben Jahren. Wir waren mittlerweile seit ein paar Jahren verlobt und wohnten seit ein paar Monaten zusammen. Vielleicht fing der Untergang dieser Beziehung schon damit an, ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich will auch meine Schuld nicht mindern, die ich in jedem Fall trage und auch wenn zu einem Beziehungsende immer zwei gehören, genau wie zu einem Streit, oder überhaupt für eine Beziehung, so kann der eine mehr Schuld tragen und der andere weniger. Ich war 16, als wir zusammen kamen, er war 20. Wir erfuhren alles neu aneinander und wuchsen quasi miteinander auf. Marc war meine erste Liebe, bereits mit 13 fand ich ihn „unheimlich süß“ und ich war hoch erfreut, als wir dann drei Jahre später ein festes Paar wurden. Es war eine gute Zeit und ich übertreibe auch nicht, wenn ich sage, dass mich diese Beziehung sicher vor den einen oder anderen Schwierigkeiten gerettet hat. Sie wissen ja, wie das so in der Pubertät ist. Wir hatten Höhen und Tiefen, aber es hielt über sieben Jahre und ich finde, dass ist eine lange Zeit für zwei junge Leute. Ich liebte ihn, wirklich. Aber ich erklärte ja schon, dass es da himmelweite Unterschiede gibt. Aber ich liebte ihn und das soll er wissen. Ich wollte ihn heiraten und ich wollte Kinder mit ihm und wirklich lange sah es so aus, als würde all das eintreffen. Bis hin zum Haus und Garten, mit allem drum und dran. Eine süße, kleine Geschichte. Man hätte meinen können, dass das zusammenziehen uns noch enger zusammengeschweißt hätte, doch irgendwie war das Gegenteil der Fall. Ich arbeitete von morgens, bis zum späten Nachmittag und er fing am frühen Abend an und kam erst spät wieder nach Hause. Die Zeit, die wir miteinander hatten, war knapp bemessen und immer öfter berauschte er sich lieber, driftete ab und schwebte einfach davon. Ich will mich hier nicht verteidigen, wirklich nicht. Aber ich war nicht nur alleine Schuld. Nun, lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwann lief mir Erik über den Weg und gab mir die Aufmerksamkeit, nach der ich mich lange gesehnt hatte und ich tat, was man manchmal tut. Ich trennte mich von Marc und alles ging recht schnell, selbst der Auszug, auch wenn es ziemlich hart war. Ich weiß, dass er mich liebte, aber in welchem Ausmaß, das wurde mir erst an diesem Tag klar, 20 Jahre später, was traurig ist. Ich bin manchmal wirklich langsam. Vielleicht hab ich es gewusst, ganz sicher hab ich das, aber so richtig bewusst ist es mir erst an diesem Tag geworden und das trug zu meiner Erschütterung eine ganze Menge bei.

Ich bekam einen Anruf von Marc und auch der war erschütternd. 20 Jahre, auf den Tag genau und er weinte und es brach mir das Herz. Obwohl er eine gut funktionierende Beziehung führt, weinte er und ich wusste, er tat es, weil wir vor 20 Jahren zusammen kamen und alles besser war. Er sagte es auch. Er war angetrunken. Das Gespräch war kurz und er entschuldigte sich einen Tag später und es war in Ordnung, aber an diesem Abend war es eine erschütternde Offenbarung für mich: Ich war ebenfalls eine Andere. Ich war auch eine andere Seite, ich war auch eine „große Liebe“, und zwar die, über die ich geschrieben habe, die, die alles verändert und über die man niemals hinweg kommt. Und er bestätigte mir das. Ich muss dazu sagen, dass Marc und ich ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, nach endlosen Versuchen, wieder dort anzuknüpfen, wo wir vor ewigen Zeiten einmal aufgehört haben. Sie können sich denken, dass das nicht funktioniert. Natürlich nicht, aber wird man schlau? Irgendwann vielleicht. Ich erklärte ihm den Grundgedanken und er sagte: Nein, man kommt niemals darüber hinweg. Und da wusste ich, ICH war die, über die er niemals hinweg kam und das brach mir das Herz erneut und noch einmal und noch einmal, weil ich weiß, wie hart das ist und schmerzhaft und wie es dich auffrisst. Und es tat mir so leid, so unendlich leid, weil ich ihn diesem Schmerz ausgesetzt hatte, von dem ich genau wusste, was er anrichtet. Ich taumelte am Abgrund und weinte, nachdem wir aufgelegt hatten, und weinte immer noch, als meine Freundin mich eine halbe Stunde später anrief. Wir führten ein schwieriges Gespräch, aber es half. Ich sagte ja, meine Freunde sind klasse und ich möchte sie nicht eintauschen und mein ganzes Bestreben liegt darin, ebenfalls eine gute Freundin zu sein. Ich war wirklich in meinen Grundfesten erschüttert, ich brauchte lange, bis ich mich wieder fing und dachte mit keinem Gedanken mehr an ein leeres, totes Gebäude und Menschen, die einfach weg waren. Ich dachte an Sünden und daran, dass man immer für sie büßen muss und ich fühlte mich, wie der schlechteste Mensch der Welt und auch wenn ich der Meinung war, dass ich durchaus für meine Sünden gebüßt hatte, erschien es mir an diesem Tag, als ob es niemals genug sei.

Ich dachte nicht am nächsten Tag an das Ereignis und auch nicht am übernächsten. Aber in der dritten Nacht träumte ich davon und wie in einer Endlosschleife war ich gefangen in dem Augenblick der absoluten Stille, vor diesem alptraumhaften Bild einer absolut toten Ruine, deren Trostlosigkeit kein Wort der Welt gerecht werden könnte. Vor meinem geistig träumendem Auge sah ich, wie das ultimative Feuer das Gebäude und alles verschlang, was sich in und um ihm befand, ich sah und hörte die Fensterscheiben platzen, wie Hagel auf den Asphalt unter sich fallend. Ich hörte noch eine Menge anderer Dinge, unter anderem auch Schreie. Furchtbare, grausame Schreie. Ich sah niemanden, aber ich hörte sie und das war schlimm. Ich erwachte schweißgebadet und mit klopfendem Herzen und noch bevor ich den Traum abgeschüttelt hatte, dachte ich darüber nach, dass kein Feuer der Welt SO heiß, so vernichtend sein konnte und trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass es sich genau so abgespielt hatte. Es dämmerte, es war sechs Uhr morgens und ich wusste, ich schlafe keine Minute mehr. Deswegen stand ich auf und holte mir einen Kaffee. Der Traum hatte mich fest im Griff und diesmal dachte ich über das nach, was dort in der Stadt mit mir geschehen war und auch, wenn ich sofort wieder das Gefühl bekam, dass es einfach zu viel für meinen Verstand war, zwang ich mich doch zur mentalen Ruhe und nach ein paar Minuten konnte ich tatsächlich relativ ruhig und analysierend meinen diesbezüglichen Gedanken nachgehen. Was war also geschehen? Ich sagte ja schon, dass ich keinerlei Zweifel darüber hegte, dass die Sache real gewesen war. Ich wusste es so sicher, wie ich wusste, dass ich 10 Finger und 10 Zehen hatte. Es kam mir nicht einmal in den Sinn eine Möglichkeit zu betrachten, die sich mit Halluzinationen und Wahnvorstellungen beschäftigte. Es war ein absolutes Wissen. Wenn Sie morgens zum Bäcker gehen und sich Brötchen holen und der Mann (oder die Frau), der sie bedient sagt: „Guten Morgen“, dann zweifeln Sie auch nicht an, dass er (oder sie) das getan hat. Und genau so fühlte es sich an. Blieb also die Frage, was war das? Ich führte einmal eine Unterhaltung mit einem meiner Freunde, in deren Verlauf er mir erklärte, dass er einmal auf Schienen von einer Straßenbahn überfahren wurde, die gar nicht dagewesen war. Wir führten nicht immer solche Gespräche, denn im Prinzip wusste er, was ich von sowas halte, aber er glaubte nun mal an solche Dinge und deswegen führten wir manchmal solche Gespräche. Ich hatte ihn gefragt, was er glaubte, das gewesen war? Er sprach von Dimensionsrissen und Zukunftsschauen und ich habe geschmunzelt und es dabei belassen. Jetzt kam mir diese Unterhaltung wieder in den Sinn und plötzlich schien mir das alles nicht mehr so utopisch und lächerlich und unmöglich. War das vielleicht ein Dimensionsriss gewesen? Was man sich auch immer darunter vorstellen mag. Habe ich für ein paar Sekunden, denn länger hat die Angelegenheit sicher nicht gedauert, in eine andere Dimension geblickt? Eine, in der die Stadt zerstört und ohne Menschen war? Eine Welt, die unserer vielleicht sehr ähnlich aber dennoch irgendwie vollkommen anders war? Ich griff mir an den Kopf, ich kann gar nicht beschreiben, wie das Gefühl war. Als ob man versucht sich an etwas zu erinnern, wovon man genau weiß, dass man es weiß, aber es fällt einem absolut nicht ein. So ähnlich war es vielleicht. Ich ging weitere Möglichkeiten durch, bevor ich den Faden verlor und betrachtete die Möglichkeit einer Vision der Vergangenheit. Vielleicht ein Tag nach dem Bombardement der Alliierten, das damals zwei Drittel der Innenstadt zerstört hatte? Ich schüttelte leicht den Kopf, denn diese Möglichkeit konnte ich getrost ausschließen. Dieses Gebäude hatte damals nicht gestanden, es war vielleicht gerade 15 Jahre alt. Aber immerhin konnte ich schon mal eine Sache ausschließen und das gab mir irgendwie ein gutes Gefühl. Als ob man eine to-do-Liste abarbeitet. Was war mit einer Zukunftsvision? Hab ich vielleicht für einen Augenblick in die Zukunft geblickt? Eine Zukunft, in der es hier keine Menschen mehr gab und alles ausgebrannt und tot war? Diesen Gedanken fand ich besonders beunruhigend. Es gäbe viele Gründe für eine derartige Leere und Zerstörung und kein einziger war angenehmer Natur, natürlich nicht. Meine Fantasie reichte von der Ausrottung der Menschheit durch einen Virus – Städte gingen in Flammen auf, wenn alle plünderten und keiner mehr Ordnung wahrte – bis hin zu einem dritten Weltkrieg, der, mit den Waffen der modernen Zeit, sicherlich verheerend und allverzehrend wäre. Eine wüste, tote Welt, in der nur ein paar stehengebliebene Gebäude überhaupt noch an eine Menschheit erinnerten, die einst hier lebte und herrschte. Ich dachte an Naturkatastrophen und Erdkrustenverschiebungen (sicherlich geprägt durch den sehr dramatisch effektierten Film 2012) und an Bedrohungen aus dem Weltall und gab es hier in der Nähe nicht einen Supervulkan? Ich dachte an schmelzende Pole und Sonneneruptionen und ich glaube, wenn ich diesen Denkprozess nicht unterbrochen hätte, hätte ich noch eine ganze Menge weiterer Gründe gefunden, die allerklärend waren. Genau betrachtet gab es so viele Möglichkeiten für ein Ende der Welt, das wohl auch die, die mehr dem Optimismus zugeneigt waren, im Gegenteil zu mir, geschluckt und die Gedanken umgelenkt hätten, denn wenn man einmal damit anfängt, dann hört man so schnell nicht mehr damit auf. Und nach drei Wochen geht man nicht mehr vor die Tür, weil man Angst hat, Angst um sein Leben, während die Verzweiflung wächst, weil man sich dem Untergang nahe sieht, einem fürchterlichen Untergang und vielleicht beendet man seine Qual, indem man auf den Dachboden geht und sich erhängt, weil es alle male besser ist durch die eigene Hand zu sterben, mit kalkuliertem Risiko, und vor allem kurzen Leiden, als vielleicht langsam dahinsiechen zu müssen, bis der Tod eine Gnade und überaus willkommen ist. Und das will nun wirklich Niemand. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie das jetzt sehr provokativ finden und so überhaupt nicht wahr und ich bin durchaus bereit zuzugeben, dass ich einen Hang zur Dramatik habe und oft merkwürdigen Gedanken nachhänge und auch, dass ich viele Dinge vielleicht ein wenig zu morbide betrachte, aber denken Sie mal drei Minuten darüber nach, was ich eben geschrieben habe. Stellen Sie sich drei Minuten all die Dinge vor, die zum Untergang der Welt beitragen können, von einem roten Knopf, der von einem Irren gedrückt werden kann, bis hin zu dem Meteoriten, der so groß ist wie der Mond und Kurs auf uns nimmt und sagen Sie mir, dass Sie nicht schlucken und Ihnen nicht für einen Moment komisch ist. Und wenn Sie ehrlich sind und den Moment mit tausend Multiplizieren, mit Einhundertausend, dann sagen Sie mir, dass das, was ich eben geschrieben habe nicht eintreffen kann. Können Sie das? Können Sie das wirklich? Ich bin jetzt wirklich mal provokant, denn zu verlieren habe ich nicht mehr viel, und sage: Das können Sie nicht. Und wenn Sie es können, dann sind Sie ein Lügner. Und wenn Sie sich jetzt empören, dann hab ich Sie erwischt. Ha ha, verstehen wir uns nicht blendend? Trotzdem hoffe ich natürlich, dass Sie mir das nicht übel nehmen, und zur Not stempeln Sie mich bitte einfach nur als harmlose Irre ab und gegessen ist der Schuh.

Ich hätte gern einen Abschluss meiner Gedanken gefunden, den ultimativen Grund, aber das habe ich natürlich nicht. Ich konnte nichts, was mit diesem Erlebnis zu tun hatte, bis zum letzten erklären, nicht mal ein bisschen und das ist nicht so, weil ich so manchen Film nicht verstehe und mich durch Wikipedia lesen muss, mit einem „aaaaaaaah-Erlebnis“, wenn mir dieses Lexikon weitergeholfen hat und ich dann zumindest wusste, was der Film vermitteln wollte (und mir verborgen blieb), sondern weil es einfach nicht absolut erklärbar war. Wie auch. Und irgendwann war ich auch gedanklich müde und schob einfach alles diesbezüglich weg und widmete mich den alltäglichen Dingen. Nach ein paar Tagen hatte ich die Sache sogar fast vergessen und verschwendete nicht einen weiteren Gedanken daran. Die Schrecken des Untergangs verblassten.

Kapitel 3

Ich dachte auch ziemlich lange nicht mehr daran, denn wie heißt es so schön? Das Leben geht weiter. So manches Mal im Leben hab ich gedacht: So das war es. Ab hier geht es nicht mehr weiter. Das Leben kann nicht weitergehen, die Welt kann sich nicht weiter drehen. Und auch wenn ich es besser wusste, natürlich wusste ich es besser, war ich doch so manches Mal überrascht, wenn ich morgens aufstand und alles war wie immer und die Erde hatte sich doch weiter gedreht. Die Welt steht niemals still, auch wenn du es dir so manches Mal wünschst und oft dachte ich an einen Satz, den ich mal irgendwo gelesen habe: Haltet die Welt an! Ich will aussteigen! Und wie oft wäre ich gern ausgestiegen. Den Gedanken, einfach anzuhalten und wegzugehen, fand ich oft äußerst reizvoll und dabei stellte ich mir immer ein Drehkarussell im Kleinformat vor, wie es eins auf einem der Spielplätze meiner Jugend gab, die, auf dessen Stangen man sich stellt, und man stößt sich ab und das Ding dreht und dreht sich, bis einem schlecht ist, aber das ist egal. Das Gefühl ist wie fliegen und man will immer wieder, immer weiter, selbst wenn man nicht mehr geradeaus gehen kann, weil einem so schwindelig ist. Und irgendwann reicht es doch und man hält an und man steigt einfach runter und geht weg, mehr oder weniger gerade. Ich stellte mir die Welt oft wie dieses Drehkarussell vor und ich saß da irgendwo und drehte Runde um Runde und irgendwann hielt ich an und stieg aus. Ich machte mir nie Gedanken was danach kommen würde. Aber immer darum, wie wohl das Gefühl sei, wenn man das könnte. Ich stellte mir ein Gefühl von unendlicher Freiheit vor und von Erleichterung, weil die Last der Welt nicht mehr auf deinen Schultern ruhte. Natürlich ruhte diese Last niemals auf dir, denn niemand trägt die Welt mit sich herum, aber das Gefühl ist so. Schwer und nass und endlos und du lässt die Schultern hängen und gehst mit gesenktem Blick. Ich sah so manches Mal Menschen, die diesen Blick, diesen Gang, hatten, und wusste genau, wie schwer sie trugen. Jeder hat seinen Packen zu tragen. Der eine mehr, der andere weniger und manchmal sieht man es, wenn man genau hinsieht.

Jede Woche führe ich ein oder zweimal den gleichen Kampf aus. Den „muss ich wirklich einkaufen?“ Kampf. Und Sie können mir glauben, das ist richtig schwierig. Ich hab Ihnen eingangs ja schon davon erzählt auf was ich alles bereit bin zu verzichten und wann es wirklich brennt. Die Palette von „ich muss unbedingt“ bis „och nö, das geht schon noch ein-zwei Tage“ ist breit gefächert und hat viele Dringlichkeitsstufen, die je nach Tagesform, mehr oder weniger großzügig übersehen werden. Das liegt eigentlich gar nicht an der Tatsache selbst, nämlich dem einkaufen, sondern dass ich dann unweigerlich unter Menschen muss. Und da der Supermarkt, in dem ich immer einkaufen gehe, mitten in der Stadtmitte liegt, rede ich hier nicht von einer Handvoll, sondern von vielen Menschen. Ich könnte natürlich einen anderen Supermarkt anfahren, es gibt gefühlte 100 davon, aber dieser Supermarkt hat alles was ich brauche und zwar fast immer und das zu guten Preisen. Und er ist gut anfahrbar und man kam auch gut wieder weg, was wichtig ist, wenn man vollbepackt ist. Und manchmal brauche ich auch andere Sachen aus der Stadt, wie zum Beispiel meinen Tabak, und der Laden liegt ebenfalls auf dem Weg. Genau wie die Drogerie, in der ich das Katzenfutter und das Streu bekomme und so ist das immer eine gewohnte Runde. Den Geldautomaten nicht zu vergessen. Weil die Vorteile eindeutig überwiegen, nehme ich eben die Menschen in Kauf und das ist wirklich schwierig für mich. Immer wieder und jede Einkaufstour aufs Neue. Ich erwähnte ja schon, dass ich Menschen nicht wirklich mag. Bis auf ein paar Ausnahmen natürlich und wenn es Sie beruhigt, dann sollten Sie wissen, dass ich auch mich nicht besonders mag. Das senkt die Waagschale ein wenig. Ich würde fast schon sagen, dass ich sehr misanthropisch veranlagt bin und wenn Sie so hören konnten, was ich denke, wenn ich unterwegs bin, dann würden Sie mich wohl verabscheuen. Ich schäme mich ja selbst, wirklich, denn in meinen Augen ist das nicht normal, was mir so durch den Kopf geht, wenn schon wieder einer im Weg steht, mich schon wieder einer anrempelt, oder auch nur wenn so ein junges Ding an der Haltestelle auf dem Platz sitzt, wo ich meine Taschen deponieren möchte und sich im Handtaschenspiegel betrachtet. Das wir uns richtig verstehen: Mich nervt so gut wie alles, wenn ich unterwegs zum einkaufen bin. Auch Dinge, über die man milde lächeln und darüber hinweg sehen sollte. Es ist schlimm, eine Tortur und ich weiß, dass ich um mich blicke, als wäre ich zum Mord bereit und ich schwöre, manchmal bin ich es. Ich ringe ständig um Luft und um Fassung und mit mir selbst, damit ich Ruhe bewahre und niemanden umschubse, anmeckere oder im schlimmsten Fall sogar schlage. Manchmal, wenn ich zum dritten Mal von so einem weiblichen Kinderwagen-Rambo angestuppst oder mir in die Hacken gefahren wird, dann habe ich Fantasien im Kopf, die wirklich nicht astrein sind. Ich bin eine geladene Kanone und kann jederzeit losgehen und das ist schlimm. Die Worte, die Beschimpfungen, die mir durch den Kopf gehen sind schlimm und trotzdem kann ich nicht anders, auch wenn ich eigentlich erwarte, jeden Moment von einem Blitz getroffen zu werden, weil das gerecht wäre, weil ich böse bin. Natürlich spreche ich all das nicht aus und DAS ist das wirklich Schlimme daran, denn ich glaube, es würde mir so viel besser gehen, wenn ich das täte, aber ich tue es nicht. Weil ich nicht verrückt bin und weil ich keinen Ärger will, so sehr das auch zu dem im Widerspruch steht, was ich eben geschildert habe. Ich halte also meinen Mund, bleibe so höflich, wie ich kann, und das ist je nach Tagesform sehr unterschiedlich, und sehe zu, dass ich aus meiner persönlichen Hölle raus komme. Wenn ich dann nach Hause komme bin ich fertig mit der Welt, schweißgebadet und das Gefühl ist ungefähr so, als wenn ein Schiffbrüchiger eine Insel sieht. Wie Urlaub. Erlösung. Meine Welt, meine Regeln. Keine Menschen. Gut.

Das war nicht immer so. Eher ganz im Gegenteil. Meine Mutter sagte immer, ich sei sogar zu höflich und nett für diese Welt und das war früher auch so. Früher… das hört sich nach einer langen Zeit an, aber das ist so lange noch nicht her. Ich hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und nette Worte für jeden. Ich handelte nach dem Motto: Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus. Und ich wurde dessen oft bestätigt, denn selbst die gestressten Kassierer erwiderten mein Lächeln und meine netten Worte und alles war gut. Ich sagte lieber einmal zu viel Danke, als einmal zu wenig und wenn jemand den Raum betrat und die Hand zum Gruß reichte, dann stand ich selbstverständlich auf. Ich wünschte allen immer einen schönen Tag und ich meinte es so und wenn die Verkäuferin Stress hatte, den sie loswerden wollte, so fand sie immer bei mir ein Ohr. Ich will mich nicht selbst beweihräuchern, aber ich tat wirklich, was in meinen Möglichkeiten lag. Ich war Mitglied in einem Tierschutzverein und auch wenn ich leider keine Pflegetiere aufnehmen konnte, so spendete ich doch regelmäßig, was mir eben möglich war. Es gab sogar zwei Bettler, die ich so versorgte, wie ich konnte, wenn ich in der Stadt war und meine Runde drehte. Das waren mal Zigaretten oder ein Fünfer. Oder ein Kaffee, oder ein Brötchen und einmal sogar ein Kissen. Ich tat es gern, ehrlich, und es kam von Herzen. Ich tat es nicht, weil ich mir damit irgendwas erhoffte, ich tat es, weil man sich um seine Mitmenschen kümmern muss, weil jeder einmal „stranden“ kann. Und dass der eine mich jedesmal nicht erkannte und mir immer das Gleiche sagte, machte mir auch nichts aus. Ich unterhielt mich mit ihnen und behandelte sie so, wie ich jeden behandelte: Mit Respekt. Und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich noch so viel mehr getan, einfach weil ich es wollte. Ich war eine kleine Weltverbesserin und wurde oft belächelt, aber auch das fand ich in Ordnung, denn irgendwer muss ja mal anfangen. Wenn ich an das ganze Leid der Welt dachte, kamen mir oft die Tränen und wenn ich Geschichten über Tiermisshandlungen und Tierquälerei hörte, dann weinte ich ganze Sturzbäche. Ehrlich gesagt waren mir Tiere schon immer lieber als Menschen und ich glaube, das hat damit zu tun, dass gewisse Dinge den Tieren einfach fremd sind, die sich Menschen jedoch antun und die ihnen zu Eigen sind. Mal mehr, mal weniger. Tiere sind einfach ehrlicher, meiner Meinung nach und ich weiß, dass das hart klingt und auch keine landläufige Meinung ist. Das Tierreich ist auf seine Art brutal, aber Dinge wie Geld und Macht spielten dort keine Rolle.

Man muss sich kümmern, nicht wahr? Denn wenn jeder sich ein bisschen kümmert, dann wäre die Welt so viel besser. Der Meinung bin ich schon immer gewesen. Was ist also mit mir passiert, dass diese Wandlung bewirkt hat? Ich glaube, dass es mit Henning angefangen hat, einem der beiden Bettler, an einem Tag, als ich ihn wieder mal mit Zigaretten und ein bisschen Geld versorgt und mich zu ihm gehockt hatte, um mich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Nicht, weil ich gönnerhaft sein wollte, ganz sicher nicht, sondern weil wir uns im Laufe der Zeit ein wenig angenähert hatten und uns manchmal unterhielten. Er war aufgebracht, das merkte ich ihm sofort an und deswegen fragte ich ihn natürlich, was ihn denn so nervte. Als hätte er genau auf diese Frage gewartet, brach es auch schon aus ihm hervor und er erzählte mir von der Ungerechtigkeit der Welt, insbesondere des Arbeitsamtes (es heißt schon eine Weile anders, aber für mich wird es immer das Arbeitsamt bleiben), die ihm einfach Geld gekürzt hatten, weil er bei einem Vorstellungsgespräch nicht aufgetaucht war. Er sprach von Piratie und Unterdrückung und das es kein Wunder sei, dass man auf der Straße betteln musste, bei dem, was man an staatlicher Fürsorge erhielt. Er sagte noch eine ganze Menge mehr, was ich nicht mehr so recht mitbekam, denn mir ging das Wort „Arbeitsamt“ durch den Kopf, dröhnte in meinen Ohren und nahm alles ein und auf einmal hatte ich so eine Ahnung, eine vage Vermutung, und starrte mein Gegenüber an, das dann irgendwann auch aufhörte auf das System zu schimpfen, dass an seinem Elend Schuld sei und ihn doch in Ruhe lassen sollte, und mich mit ausdruckslosen Augen fragte, ob alles okay wäre. Tonlos fragte ich ihn, ob er denn normal Geld vom Arbeitsamt bekäme, also für Miete, Heizung und Lebensunterhalt und er nickte, als sei das eine Selbstverständlichkeit und lächelte mich komisch an. Ich hatte das Gefühl, dass etwas in mir zerbrach und als ob es die ganze Welt hören musste und mir wurden einige Dinge klar. Dieser Mann, den ich seit nunmehr 2 Jahren mit vom Mund abgesparten Dingen versorgte, hatte ungefähr genau so viel Geld wie ich im Monat. Wahrscheinlich sogar mehr, denn er ging ja noch betteln und war damit nicht wenig erfolgreich. Ich verzichtete auf dieses und jenes, weil ich ihm noch ein paar Zigaretten kaufen wollte, weil ich dachte, er hätte nichts, aber in Wirklichkeit konnte er selbst in ein Geschäft gehen um sich Zigaretten zu kaufen, wenn er ein wenig sparsam war. Hier, auf Papier, hört sich das gar nicht so dramatisch an, aber die Tragweite des Ganzen war überwältigend für mich. Überwältigend und Desillusionierend und noch mehr nach dem weiteren Geschehen. Er nahm bereitwillig meine Sachen und wenn der Tag vorüber war, dann ging er nach Hause und freute sich des Lebens und wahrscheinlich lachte er über die Dummheit der Menschen, die blöd genug waren, ihm immer wieder Geld zu geben. Ich erhob mich, ein wenig hektisch, und entschuldigte mich, denn ich war ehrlich gesagt, nicht gelinde verstört über die neuesten Erkenntnisse. Er nickte und als er hoch sah, sagte er: „Ach übrigens. Wenn du mir das nächste Mal Tabak mitbringst, nimmst du dann bitte den xyz Tabak? Der schmeckt einfach besser und ist nicht so trocken und vom Geld her tut sich da nicht viel“. Ich blinzelte und sah zurück, sah zu ihm runter und ich sah ihm in die Augen, die zwar gut von der Kappe abgeschirmt waren, aber da der Kopf leicht erhoben war, konnte ich sie gut sehen. Und ich sah. Zum ersten Mal sah ich. Ich sah in kalte Augen, in berechnende Augen. Ich sah keine Wärme und keine Nettigkeit. Ich sah Manipulation und Verachtung, ja wirklich Verachtung. Ich wünschte, ich hätte mir das nur eingebildet, aber das habe ich nicht. Dieser Mann verachtete mich und die Welt, die ungerechte Welt, und war sich selbst der allernächste. Und er wusste was ich sah, er sah es mir an, aber er wandte den Blick nicht ab, im Gegenteil. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, ohne das es die Augen erreichte und es war ein überhebliches, arrogantes Lächeln, als wollte er sagen: Jetzt hab ich dich Mädchen. Du mit deiner Gönnerhaftigkeit und deiner Scheinheiligkeit, mit dem geheuchelten Interesse und den paar Kröten. Aber das hab ich gut gemacht, oder? Du hast es mir abgekauft, ha ha. Wer ist hier der Bessere? Wie gesagt, ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es mir in meiner Verstörtheit eingebildet habe, dass nichts von dem wahr war, aber das kann ich nicht. Genau so war es und ich wusste es ganz sicher, so wie er es wusste. Und ihm war klar, dass ich nie wieder kommen würde, aber das machte ihm nichts aus. Kein Bedauern, kein bereuen. Vielleicht ärgerte er sich, dass er so unvorsichtig gewesen war das mit dem Arbeitsamt auszuplaudern, aber nun was soll‘s. Er brauchte mich nicht und ein bisschen Verlust ist immer. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging einfach weg. Irgendetwas in mir war zerbrochen und ich fühlte mich vollkommen Desillusioniert und dumm. Ich ging nie wieder zu ihm hin, ich ignorierte ihn, wenn ich an ihm vorbei ging und er sprach mich nie wieder an. Ich hatte meinen Zweck verloren.

Vielleicht fing es mit diesem Tag an. Nein, ganz sicher fing es mit diesem Tag an. Meine „Weltverbesserungsbrille“ war herunter gerissen und zum ersten Mal sah ich die Menschen mit anderen Augen, mit viel kritischeren Augen. Ich beobachtete Sie und begann mich wesentlich mehr für die Nachrichten der Welt zu interessieren. Und ich fühlte mich von Mal zu Mal bestätigter und bestätigter, dass die Menschheit an sich schlecht ist. Ein egoistischer Haufen, jeder ist sich selbst der Nächste und Gutmütigkeit und sensible Seelen gingen zwangsläufig unter. Ich versuchte fair zu sein und bedachte diese Sichtweise immer mit Ausnahmen, denn man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber im Grundgedanken war es für mich einfach so. Sie quälten und folterten und töteten. Sie mobbten und stritten und jeder war nur auf seinen Vorteil bedacht, egal wer dafür untergeht oder ausgepresst wurde. Macht, Geld, Korruption – überall wo man hinsah, sah man die gleichen Motive. Plötzlich fiel mir auf, wie egoistisch die Menschen waren. In kleinen Beispielen, die sich häuften. Die Gruppe älterer Menschen, die mitten im Weg einen Kaffeeklatsch führen ist der Klassiker. Sagen Sie mir nicht, dass Sie das nicht kennen. Die, die glauben, sie haben irgendein Vorrecht und drängeln sich vor. Die Frauen mit ihren Kinderwagen, die ganze Gänge blockierten, während sie in aller Ruhe alle Waren ausgiebig studierten. Die Kids, die das Wort „Respekt“ nicht einmal buchstabieren können. Die Frau mit den zwei Taschen, die glaubt, der Bus ist ihr persönliches Taxiunternehmen. Menschen, die sich vordrängen, dich abdrängen, dich umrempeln. Die, die ihr Selbstbewusstsein darauf bauen, das Selbstbewusstsein anderer zu zerstören und die, die sich aufgeilten, wenn sie andere fertig machten. Ich könnte diese Liste so ewig weiter führen, dass Sie in 20 Seiten noch nicht fertig mit lesen wären, aber ich glaube, ich habe klar gemacht, was ich meine. Ich sah diese Dinge, die mir früher nicht aufgefallen waren, oder über die ich hinweggesehen hatte. Und das war noch nicht alles. Das Denken hört ja nicht auf. Das Gehirn ist wie eine schwere Maschine, die einmal angeworfen, so schnell nicht mehr aufhörte zu funktionieren und ich erwähnte ja schon, mein Gehirn hörte niemals auf. Ich dachte an mein Leben und all die Menschen, die mich wirklich verletzt hatten. Die, die auf mir herum getrampelt waren. Ich dachte an das Mobbing, dem ich im Leben schon ausgesetzt gewesen war und an die Frau, die sich mir als gute Freundin präsentiert und doch heimlich meine große Liebe gestohlen hatte um mir dann Kontaktverbot zu erteilen, weil SIE eifersüchtig war. Ich dachte an jede Verletzung, an die ich mich erinnern konnte und an jeden Schnitt auf meiner Seele. Ich dachte daran, wie mies ich manchmal behandelt worden war und was ich nie verstand, nämlich das warum, bildete sich nun wie eine Gewitterwolke über meinem Kopf. Warum? Weil Menschen so sind. Sie sind nicht gut, sie sind schlecht und während ich das hier aufschreibe, wundere ich mich, wie es diese fabelhaften Leute, die ich mit gutem Gewissen Freunde nennen, geschafft haben, das zu untergraben und mein Vertrauen zu gewinnen und zwar so, dass ich für jeden von ihnen die Hand ins Feuer legen würde. Ja, es gibt Ausnahmen, zugegeben, aber die sind rar und selten. Sie fragen sich vielleicht, wie das mit meiner Familie ist, ob ich die auch hasse. Nein, das tue ich nicht. Das ist meine Familie und ich liebe sie, auch wenn es nicht immer einfach ist. Aber das müssen Sie jetzt einfach so hinnehmen, denn mehr werden Sie darüber nicht erfahren. Nun ja, vielleicht doch ein wenig, aber später.

Wie es meistens mit solchen, ich nenne es mal dramatisch „epischen“ Gedankengängen ist, verändern Sie dich. Natürlich denkt man nicht über all das nach und macht dann weiter wie bisher. Für manche Menschen ist eine Nahtoderfahrung eine Erfahrung, die sie dazu bringt, alles in einem anderen Licht zu sehen. Bei mir war es weitaus weniger dramatisch, aber nicht weniger effektiv. Das schlimmste war, dass ich jetzt auf alles viel mehr achtete, obwohl ich das eigentlich nicht wollte. Ich hab mich oft gefragt, wie ich all das früher hatte überhören und übersehen können. Selbst in meiner Wohnung, meinem Hort der Ruhe, meiner Zuflucht, hörte das nicht auf. Ständig hörte ich die Menschheit da draußen in Form von Rasenmäher, Mülltonnen rücken, Hecken schneiden, laute Musik im Auto, getunte Mopeds, laut unterhaltende Personen, kläffende Hunde, pfeifende Männer, singende Schrotthändler und wenn ich auf der Couch lag und versuchte ein wenig Ruhe zu bekommen, die wieder mal von Jemandem da draußen gestört wurde, dann ergab ich mich meinen schlimmen Fantasien und das fühlte sich gut an. Wenn meine Nachbarn stritten und die Türen knallten, weit nach 22 Uhr, dann knirschte ich mit den Zähnen, dass ich manchmal glaubte, mir würden die Zähne rausfallen. Und ich tat zum ersten Mal etwas das ich nie vorher getan hatte: Ich ging mich beschweren. Als an einem Abend die Musik mal wieder so laut war, dass meine Schuhe von den Bässen vibrierten und sich langsam davon stahlen und Stunde um Stunde verrann, ohne dass leiser geschaltet wurde. Als die Uhr weit nach 23 Uhr zeigte und ich Schmerzen im Kiefer hatte, weil ich so knirschte, ging ich tatsächlich nach unten und bat, in aller Höflichkeit, die ich aufbringen konnte, darum, die Musik bitte leiser zu stellen. Ich werde den Blick niemals vergessen, der mir aus alkoholumnebelten Augen entgegen schaute. Den „du-stellst-dich-aber-an-Blick“. Kurz dachte ich darüber nach, dass ich eigentlich nie hatte so werden wollen, aber binnen Sekunden war es mir wieder egal. Die Musik wurde leiser gestellt. Ein erster Sieg. Am nächsten Abend war ich nicht mehr ganz so höflich und erklärte in völliger Ruhe, dass ich nicht noch einmal klingeln, sondern alles weitere nur noch über den Vermieter regeln würde. Was soll ich sagen? Ich musste in dieser Hinsicht nie wieder die Zähne knirschen oder in Erwägung ziehen nach unten zu gehen.

Erst war mir ein wenig mulmig und ich dachte daran, was wohl passieren würde, wenn ich den Zweien das nächste mal über den Weg laufen würde. Doch das erwies sich als unbegründet. Wir grüßten uns und unterhielten uns wie zuvor. Ich war zufrieden, jedenfalls zunächst. Ich verzieh ihm zunächst seine Schnüffelei und sein ständiges am Haus und Garten rumfummeln. Ich verzieh ihm zunächst, dass er sich wie der Hausmeister aufspielte, der sich ständig beschwerte, dass Niemand im Haus sich kümmern würde. Natürlich tat das Niemand. Das tat vorher schon Niemand, und als dann jemand da war, der es ganz freiwillig erledigte, war doch alles gut. Hier in den Häusern kümmerte sich jeder nur um sich selbst und das war auch gut so und ich bezweifle, dass auch nur einer in heillose Verzückung ausbrach, wenn er den frisch gemähten Rasen sah und die ordentlich gestutzten Büsche, oder den sauberen Gehweg. Ich bezweifelte ehrlich gesagt sogar, dass es überhaupt jemandem auffiel. Mir war es zu Anfang so egal, wie einem nur etwas egal sein kann. Aber später dann, als es immer schlimmer wurde, als ich alles hörte, drehte ich ihm nicht nur einmal im Geiste den Hals herum, wenn er wieder mal mähte, oder wieder mal sägte, oder wieder mal irgendetwas tat, was er alle drei Tage tat. Ehrlich, ich frage mich ernsthaft, wie viel Arbeit ein kleines Grundstück und zwei kleine Häuser mit 8 Parteien machen können, die sogar eine eigene Putzfrau hatten. Als das Haus saniert wurde (und das war wirklich die Hölle, so sehr, dass ich sogar meine Küchenfenster abklebte, weil ständig Leute in meine Wohnung sehen konnten und ich wohne unter dem Dach), war er vollkommen im Element und er war so gestresst, als würde er persönlich das Haus sanieren. Nun, ich will hier auch gar nicht weiter abschweifen, ich dürfte meinen Standpunkt klar gemacht haben. Heute steht er auf meiner „Kandidaten-Liste“, das hat er geschafft. Sie wollen jetzt sicher wissen, was diese Liste ist und was sie bedeutet, aber das werde ich später erklären, wenn ich noch dazu komme. Die Zeit wird knapp, ich fühle es, der Abgrund ist nahe. Oh wie ich hoffe, ich kann zum Ende kommen, denn das ist mir wichtig. Ich fühle mich, wie sich ein Todeskandidat in den Staaten fühlen muss, wo es die Todesstrafe noch gibt, wenn er sein letztes Mahl vorgesetzt bekommt. Er isst langsam, denn er weiß was kommen wird wenn er endet und er zögert heraus, wie er kann. So ähnlich geht es mir auch, auch wenn kein elektrischer Stuhl auf mich wartet. Nicht in dem Sinn jedenfalls.

Kapitel 4

Irgendwann kamen die Wut und auch die Kopfschmerzen. Ich bin mir nicht sicher, was zuerst da war aber ich glaube, das geschah relativ zeitgleich. Solche Schmerzen hatte ich noch nie und normaler Kopfschmerz spottet jeder Beschreibung. Manchmal war es so schlimm, dass ich mir den Kopf abhacken wollte, nur damit es aufhört. Mein Arzt diagnostizierte eine Stress-Migräne und gab mir sowohl Akut- als auch vorbeugende Tabletten mit. Ich nahm beides, aber ich hätte auch Smarties nehmen können, das hätte so ziemlich den gleichen Effekt gehabt. Auch wenn es jedesmal wirklich schlimm war, so konnte ich dennoch ganz gut damit leben – nicht dass ich eine Wahl gehabt hätte – da es nur alle paar Wochen vor kam, dass mich ein Anfall heimsuchte. Anders war es allerdings mit der Wut. Sie bohrte sich in mich und fraß mich, sie brodelte in mir wie glühendheiße Lava und floss durch meine Adern und vergiftete mich. Ich war selten in meinem Leben wirklich wütend gewesen und die paar Male konnte ich an einer Hand abzählen, aber diese Wut war gewaltiger, als alles was ich kannte. Sie steigerte sich von Tag zu Tag und ich wurde manchmal regelrecht jähzornig. Trotzdem tat ich nichts wirklich dummes, obwohl ich finde, dass ich eine tickende Zeitbombe war. Mord war mein Hobby, zumindest innerlich, aber eigentlich ist das nur am Rande interessant. Ich tat nichts Dummes. Ich war froh. Ich las viel über Serienkiller und Amokläufer und zu meiner Bestürzung verstand ich von Tag zu Tag mehr. Das Grauen in all seinen Facetten faszinierte mich schon immer und das scheint Ihnen vielleicht ein bisschen pervers zu sein. Ist es vielleicht auch. Trotzdem interessierte ich mich für Kriege und Morde und Krankheiten und Tod. Ich las über Konzentrationslager, über Kriegsgreul und Folterungen, über Massaker und tödliche Waffen. Vor allem die Nuklearwaffen und deren Auswirkungen, Atomkraftwerke, Strahlenkrankheiten und Todesraten waren „mein Ding“. Ich las alles über Hiroshima und Nagasaki und Tschernobyl, was ich in die Finger kriegen konnte und je schlimmer, desto besser. Und wenn ich mich nicht mit Tatsachen und Geschichte beschäftigte, dann mit Horrorbüchern und –filmen, Gruselkram und Katastrophenfilmen. Sie mögen denken, dass all diese Themen mich ein wenig beeinflussten und vielleicht sogar eine Erklärung für all das merkwürdige waren, aber ich kann Ihnen versichern, dass dem nicht so ist. Ich kann ziemlich gut zwischen Realität und Fantasie unterscheiden.

Ein paar Wochen nach meinem Erlebnis, das ich wirklich schon fast vergessen und irgendwie abgetan hatte, verlor ich mal wieder einen Einkaufskampf und tat, was ich tun musste. Zu dem Zeitpunkt tat ich in der Tat nicht mehr viel außerhalb meiner Wohnung, außer einkaufen, Ärztebesuche und hin und wieder Familie. Ich fuhr in die Stadt und ging zu meinem Supermarkt und es war einer der wenig gewordenen guten Tage. Ich war fast schon beschwingt und übersah all das, was mich sonst so gehörig nervte. Aber das Leben ist manchmal wirklich voller Überraschungen. Besonders schwierig in diesem Supermarkt war es, sich etwas aus den Kühltheken zu holen, denn der Gang davor war schmal, gerade zwei Wagen passten dadurch, wenn man sorgfältig manövrierte, und manchmal wartete man ewig, bis man eine Lücke gefunden hatte, um schnell das rauszunehmen, was man brauchte. An diesem Tag war es Quark. Zu meinem Erstaunen kam ich sofort durch, ohne halten zu müssen, und vertieft in meine Gedanken merkte ich ein klein wenig zu spät, dass ich mit der Nase die Nase eines anderen Einkaufswagen anstupste. Ganz leicht nur. Ich sah in den anderen Einkaufswagen und sah etwas Wurst und Käse und frisches Hackfleisch und ich hob den Kopf und lächelte um mich höflich und nett zu entschuldigen. Ich hatte den Kopf noch nicht ganz gehoben, als das Lächeln und jede andere Regung förmlich auf meinem Gesicht erstarb, festfror und wenn Sie mich gesehen hätten, dann hätten Sie wohl weit aufgerissene Augen voller Entsetzen gesehen, die auf das Wesen, anders kann ich es nicht benennen, vor sich gerichtet waren. Vor mir stand ein Mensch, zumindest in der Grundstruktur, ein weiblicher Mensch, soviel konnte ich sehen. Und dennoch war alles an diesem… diesem Ding falsch. Sie hatte ein paar Haare auf dem sonst kahlen Kopf, die waren weiß und lang und struppig und standen in alle Richtungen ab. Die Enden waren schwarz, als wären sie verbrannt, und kringelten sich um sich selbst. Die Stirn und die Augenpartie waren regelrecht verschmolzen und verzerrten die ganze Gesichtsstruktur und die Augen… diese Augen. Sie waren milchig und trüb, trotzdem konnte man den Schatten der Iris unter dem Nebel erkennen und diese starrten mich feste an. Die Nase war weitgehend intakt, lediglich die Nasenspitze fehlte und darunter befand sich ein zahnloses Loch ohne Lippen und die Zunge, blau-schwarz und geschwollen, mahlte in diesem Loch hin und her und verursachte schmatzende Geräusche, als wollte dieses… die Frau etwas sagen. In der linken Wange befand sich ein weiteres, großes Loch und man sah die mahlende Zunge und einen vergessenen Backenzahn schimmern. Die Ohrläppchen fehlten, die Ohren waren Stummel und der Hals und der Bereich, wo sich die Brust befinden sollte, waren wieder verschmolzen und verbrannt und nur durch ein paar Fetzen eines verbrannten Blumenkleides verdeckt. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass dieses Kleid sich unterhalb der Hüfte in die Haut gebrannt hatte. Es sah aus, wie eine kuriose Tätowierung. Überall, auch auf den verbrannten Stellen, befanden sich schwarze Flecken, die wie eine abartige Form von Scharlach wirkten und im linken Arm befand sich eine mehrere Zentimeter lange und sehr tiefe Wunde, aus der nicht ein Tropfen Blut kam. Ich sah sie so genau vor mir, wie ich diesen Laptop hier vor mir sehe und ich weiß nicht, wie lange ich dieses Wesen anstarrte, denn Zeit war plötzlich bedeutungslos, aber über allem lag dieses Schmatzen der Zunge und es hörte sich ekelhaft an. Das war wohl der schlimmste Anblick, den ich je im Leben gesehen hatte und ich habe schon einen fellabgezogenen, lebenden, kopfüber an einem Baum gefesselten Hund gesehen, der über Feuer gebraten wurde und dachte damals, DAS sei das schlimmste, was man sehen UND hören könnte. Mir wurde schlecht, richtig schlecht. Und mir wurde schwindelig. Und ich spürte, wie mein Verstand sich endgültig verabschieden und in Urlaub gehen wollte. Ich gewann den Kampf gegen meinen Magen und gegen den Schwindel und ich holte meinen Verstand schnellstens zurück, aber all das kostete mich unheimlich viel Mühe und ich zupfte hilflos an meinem Ohrläppchen herum, weil ich mal gehört hatte, dass man damit eine Ohnmacht verhinderte. Ich zählte bis zehn und bei Gott, ich ließ mir alle Zeit der Welt. Als ich bei sieben war, hörte das Schmatzen auf, als ich bei acht war, roch ich frisches Gemüse und als ich bei zehn war, hörte ich wieder die Welt und all ihre Geräusche und ich war dankbar und froh. Langsam öffnete ich die Augen und ich sah eine ältere Frau, die mich neugierig und besorgt anschaute. Sie hatte Wurst und Käse und Hackfleisch im Wagen und sie sah wie eine lustige Dame aus. Ihre Haare waren sorgsam frisiert und ihr Gesicht ein wenig faltig, aber ansonsten makellos. Die Augen waren klar und hell und das Blumenkleid war intakt und dem Wetter angemessen. Ich fühlte mich fiebrig und krank und ich griff nach einem kalten Quark und hielt ihn mir an die Stirn. Ich war schweißgebadet und erst nach ein paar Sekunden begriff ich, dass die Frau mit mir redete. Ich rang mir ein Lächeln ab und bin nicht überzeugt, dass mir das gelang und richtete meine Konzentration, meine ganze Konzentration auf die gesunden Lippen, die eine Reihe etwas gelbliche Zähne schützte. „… in Ordnung? Sie sehen gar nicht gut aus. Sie sind ganz blass. Soll ich vielleicht einen Krankenwagen rufen?“ drang es dann doch an mein Ohr. Kein Schmatzen. Gut. Ich schüttelte leicht den Kopf und holte tief Luft. „Danke, es geht schon. Ich brüte wohl was aus“, antwortete ich mit klarer Stimme und ich war selbst ganz erstaunt. Sie nickte und lächelte, dann machte Sie mir Platz und ich fuhr mit meinem Wagen vorbei. Ich traute mich kaum, mich umzublicken, aus Angst mehr solche Gestalten zu entdecken, aber alles war normal und wie immer. Wie im Traum kaufte ich ein, ich erinnere mich nicht einmal daran, wie ich zahlte oder gar wie ich nach Hause kam. Alles war neblig und ich fühlte mich wirklich fiebrig. Kalter Schweiß stand auf meiner Stirn und das erste was ich tat, als ich zu Hause war, war mich vor meine Toilette zu knien und mich zu erbrechen, bis nichts mehr kam, außer ein wenig Magenflüssigkeit und Galle.

Mit einem kalten Tuch auf der Stirn legte ich mich auf meine Couch. Mir war ganz elend und das Gefühl des Fieberns verschwand nicht. Obwohl wir Sommer und draußen recht warme Temperaturen hatten, hüllte ich mich in eine Decke und zitterte trotzdem leicht vor mich hin. Immer wieder musste ich Richtung Toilette laufen, obwohl ich schon lange nichts mehr im Magen hatte. Ich hatte das Gefühl, mich im tiefsten Nebel zu befinden, aber eigentlich war ich fast dankbar darüber, denn das machte das Bild, dass auf meine Netzhaut eingebrannt schien, nicht ganz so furchtbar und grausam. Ich hatte Kopfschmerzen. Nicht in der Art, wie bei den Migräne-Anfällen, aber es reichte um richtig unangenehm zu sein. Mein ganzer Körper tat mir weh, als hätte ich schwere Arbeit verrichtet, und ich fühlte mich schwach und müde und einfach elend. Der Schock, ganz klar, dachte ich mir. Ich meine, wer wäre denn bei diesem Anblick nicht geschockt gewesen? Es war ein Wunder, dass ich nur unter so ein paar physischen Symptomen litt und nicht gleich verrückt geworden war. Natürlich dachte ich darüber nach, und diesmal gab ich mich auch ein paar Minuten den Gedanken hin, dass ich tatsächlich den Verstand verlor. Das was ich gesehen hatte, war unmöglich. Es war undenkbar. Es war nicht nur schlimm, es war Alptraumhaft gewesen. Was war das? Auch diesmal beschäftigte ich mich mit Dimensionsrissen und Zukunftsschauen, aber weitaus weniger enthusiastisch, als bei dem toten Gebäude. Je mehr Zeit sich gnädig zwischen dem Augenblick im Supermarkt und dem jetzigen Moment schob, desto, ich sag mal „interessanter“, wurden meine Gedanken. Ich musste an diesen Film denken, auf dessen Titel ich nicht kam, aber vielleicht kennen Sie ihn. Der Mann findet eine Art Sonnenbrille und sieht auf einmal, dass manche Menschen in Wirklichkeit keine Menschen sondern andere Wesen sind, die so nach und nach die Machtpositionen besetzen und die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Ich zog die Möglichkeit in Betracht, dass ich plötzlich sehend war, dass ich sah, was wirklich hinter den Masken steckte, in die sich diese Wesen gezwängt hatten, um menschlich auszusehen, um weiß Gott was anzustellen. Ich zog sogar die Möglichkeit in Betracht, dass Zombiefilme vielleicht doch Dokumentationen waren und das gerade eine Machtübernahme statt fand. Ich weiß, wie verrückt das alles klingt, aber mal ehrlich: Nach diesem Erlebnis kamen mir diese Gedanken wie die normalste Sache der Welt vor. Obwohl ich immer noch Stein auf Bein hätte schwören können, dass das real gewesen war, zog ich immerhin kurz die Möglichkeit in Betracht, dass meine Ansprüche an Normalität sich vielleicht ein wenig verschoben hatten. Obwohl es mir immer elender ging, konnte ich den Anblick nicht abschütteln. Ob ich die Augen nun geschlossen oder offen hatte, ich sah es so genau vor mir, als würde die Frau noch immer vor mir stehen. Ich hörte fast immer noch dieses schmatzende Geräusch. Aber der Nebel wurde dichter und ich war mehr als dankbar. Einen Moment dachte ich noch an einen Virus, der vielleicht für den Anblick der Frau verantwortlich war, aber noch bevor mir der Denkfehler auffiel, umhüllte mich gnädige Dunkelheit und ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Ich erwachte viele Stunden später und es war schon dunkel draußen. Meine Katzen schlichen um mich herum, denn sie hatten Hunger und ich quälte mich hoch, um sie zu versorgen. Dachte ich, dass ich mich am Nachmittag schon elend gefühlt hatte, war das kein Vergleich gewesen. Ich taumelte durch Nebel und Schmerzen, von denen ich nicht genau lokalisieren konnte, wo sie genau her kamen. Ich hatte Kopf- und Halsschmerzen und das ganze zog sich hin zu meinem Ohr, meinem intakten Ohr und ich dachte kurz an Stummelohren und kicherte leise. Meine Knie waren weich und ich war müde und kaputt. Ich hatte dass Gefühl, dass es keinen Knochen in meinem Leib gab, der mir nicht weh tat. Ich fühlte mich fiebriger denn je und als meine Nase sich verstopfte, überlegte ich, ob das immer noch der Schock sein konnte. So heftig? Einer Eingebung folgend suchte ich mein Fieberthermometer und fand es zum Glück auch recht schnell. Und während meine Temperatur gemessen wurde, schlief ich fast schon wieder ein, während ich von zehn rückwärts zählte, weil mir erneut so übel war, dass ich mich übergeben wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich das digitale Thermometer piepsen und ich zog es aus dem Mund und starrte auf die Anzeige. Ich kniff ein paar Mal die Augen, weil ich Schleier davor hatte, dann sah ich es aber: 39,87. Wieder verschwamm die Digitalanzeige vor meinen Augen, ich blinzelte und schaute noch einmal hin, aber die Zahl veränderte sich nicht. Ich hatte richtig hohes Fieber. Ich fing an zu lachen. Hoch und schrill und laut und ich konnte überhaupt nicht mehr damit aufhören. Ich lachte mir die Seele aus dem Leib, es musste sich wie das Lachen einer Verrückten angehört haben, aber das war egal. Ich lachte, bis mir die Tränen über die Wangen liefen und ich keuchte, weil ich keine Luft mehr bekam. Fieber! Ich hatte Fieber! Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich über diese Tatsache mal freuen würde, aber dieses Mal freute ich mich wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Weil DAS nämlich alles erklärte. Ich hatte eine Fieberfantasie gehabt, einfach nur fantasiert, wie das manchmal so ist, wenn man wirklich hohes Fieber hat. Das erschien so einleuchtend, so perfekt, dass ich es kaum glauben konnte. Mir war egal wie schlecht ich mich physisch fühlte, psychisch fühlte ich mich gerade bestens. Wackelig holte ich mir noch ein nasses, kaltes Tuch und einen Eimer, denn mein Magen revoltierte immer noch. Aber ich tat es fast beschwingt. Als ich mich wieder zum schlafen hinlegte, tat ich es mit einem Lächeln und als ich ein paar Augenblicke einschlief, lächelte ich immer noch.

Kapitel 5

Die Grippe hatte mich voll erwischt. Keine harmlose Erkältung, eine richtige Grippe. Ich konnte mich kaum erinnern, jemals so krank gewesen zu sein. Meine Mutter kümmerte sich rührend um mich, kam jeden Tag vorbei und versorgte mich und meine Katzen, denn dazu war ich kaum in der Lage. Sie schleppte mich auch zum Arzt, der mir Antibiotika verschrieb und strengste Bettruhe verordnete. Mein Fieber war fünf Tage lang so hoch, mal etwas weniger, aber fast immer in diesem Bereich. Ich wandelte ständig in Nebel und Dunkelheit und hatte oft wirklich Probleme bei Sinnen zu bleiben oder nicht zu schlafen, um mal ein Süppchen zu essen, oder die Medikamente zu nehmen. Einmal rief meine Mutter den Notarzt, weil das Fieber besonders hoch war. Der gab mir zwei Spritzen und meiner Mutter ein paar Anweisungen, die ich schon gar nicht mehr mitbekam. Wenn ich zur Toilette musste, half sie mir und wenn ich das, was ich aß oder trank erbrach, hielt sie mir die Haare hoch. Ich weiß nicht mehr viel von diesen fünf Tagen, ich muss fast nur geschlafen haben, aber ich weiß, dass ich oft die Frau in meinen Gedanken sah und viel schlimmeres. Meine Mutter erzählte mir, dass ich fast immer im Schlaf gestöhnt und mich gewälzt hatte und ich hätte ihr gern von der Frau und von dem Gebäude erzählt, doch beides schien so fern und ich vergaß es einfach. Am fünften Tag sank das Fieber auf unter 39 und einen Tag später war es schon fast unter 38. Ich fühlte mich ziemlich schwach und litt immer noch unter Schmerzen, erbrechen und Schwindel, aber ich wanderte nicht mehr im Nebel. Mittlerweile raubte mir der Husten den Schlaf und ich verbrauchte ziemlich viele Taschentücher, aber das schlimmste war wohl vorbei. Meine Mutter scherzte, dass ich jedenfalls recht dünn geworden war, was ein Vorteil sei und ich wusste, dass es nur ein Halbscherz war, denn mein Gewicht war immer eine heikle Angelegenheit zwischen uns. Es dauerte auch noch ein paar Tage, bis ich wirklich etwas in mir behalten konnte, aber dafür schmeckte das erste Brot, das ich wieder schmecken konnte, und das drin blieb, wie eine Speise der Götter. Auch wenn es mir körperlich ziemlich schlecht gegangen war, fühlte ich mich doch seelisch irgendwie gereinigt, und das war ein gutes Gefühl. Ich musste fast lachen über die Gedanken, denen ich nachgegangen war, über lebende Tote, die Masken trugen und an die Weltherrschaft wollten. Es ging mir besser als vorher. Nicht perfekt, aber besser.

Eigentlich wäre hier das perfekte Ende. Ein Happy-End, wie es sich alle wünschen. Alles nur ein Fiebertraum, eine einfache Erklärung. Fertig. Sie sehen schon, was nicht stimmt, oder? Das Fieber erklärte vielleicht die Frau, aber es erklärte nicht das Gebäude, denn ich war kerngesund, als ich es sah. Und irgendwie sollen Sie sich auch nicht bis hier hin durchgekämpft haben für Fieberfantasien, ganz zu schweigen davon, dass dies noch lange nicht das Ende ist. Im Gegenteil. Man könnte sagen, dass es eigentlich gerade erst anfing.