Lektion

Manche Menschen sind einfach unbelehrbar. Frank ist einer davon. Er propagiert vergangene und menschernverachtene Ideologien mit ganzer Hingabe. Doch eines Tages begegnet ihm eine junge, mysteriöse Frau und für ihn ändert sich alles….

Genre: Fantasy, Krieg
Wörter: 8128
Kapitel: 11
Erzählperspektive: Dritte Person (Vergangenheit)
Datum: November 2012

Kapitel 1

Mit einem irgendwie entrückten Lächeln auf dem Gesicht wanderte sie durch die Gruppe, die sich vor der Tribüne gebildet hatte, Mensch an Mensch, dicht an dicht, johlend, grölend und doch schien sie keinen von ihnen zu berühren, obwohl sie mittendurch wandelte und hier, an diesem Ort, so fremd aussah, wie ein Regenbogen in der christlichen Hölle es wohl würde. Sie trug ein langes Samtkleid, das vor vielen Jahre geschneidert schien, unter der Brust geschnürt und dann lang abfallend, und so tief schwarz leuchtete, wie es ihr Haar tat, dass sich lang und seidig über ihren Rücken ergoss und dabei schon fast ihren Hintern berührte. Auch ihre Augen wirkten dunkel, vielleicht dunkelbraun, vielleicht doch schwarz und waren mandelförmig. Sie passten perfekt in das etwas blasse, aber makellose Gesicht, mit wohlgeformter Nase und vollen Lippen, die dieses Lächeln zierte, dass sie wie eine Figur aus einem Roman aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts wirken ließ. Sie hielt den Kopf etwas schief, als lausche sie dem, was dort vorn propagiert wurde, aber ebenso konnte sie auf etwas hören, was nur sie vernehmen konnte. Sie lief barfuß, obwohl die Temperaturen weit abgefallen und herbstlich angepasst waren und auch die Scherben und Steine, über die sie schritt, schienen ihr nichts auszumachen. Ja, sie schien geradezu über den Dingen zu schweben. Sie ging weiter nach vorne, dorthin, wo das Gedränge am schlimmsten war, und immer noch schien sie niemanden zu berühren und doch seltsamerweise genug Platz für sich zu haben. Es war, als wichen die, die dort standen, vor ihr zurück, ohne zu wissen, dass sie es taten. Vorn angekommen fixierte sie mit ihrem Blick den Redner, der flammend propagierte, mitriss und die Menge mit seinen Worten anheizte. Wie die, zwischen denen sie stand, war auch er an seinem Aussehen klar einer Gruppe zuzuordnen und als es überall neben ihr erscholl: „Sieg Heil!“ vertiefte sich ihr entrücktes Lächeln leicht, aber es sah wissend, nicht fröhlich, aus. Arme wurden hoch gerissen, zum Gruße vorgestreckt, so wie es einst Gang und Gebe gewesen war, als ein einziger Mann den Kampf mit der Welt aufgenommen und kläglich verloren hatte. Wieder legte sie den Kopf schief und diesmal lauschte sie mit Bedacht auf das, was sie von vorn hörte. Es ging um das Tausendjährige Reich, die Infiltration durch die Linken, die Juden und überhaupt allen, die nicht arisch weiß waren, um heroische Kämpfe auf dem Schlachtfeld, als die Väter und Großväter für Führer, Volk und Vaterland ehrenvoll und ohne zu zögern starben. Es ging um Verrat und Lüge, das Leugnen der Geschichte, die zurecht gebogen wurde, wie es nötig war um die Massen hier an diesem Ort zu begeistern und es ging um das, was erneut geschaffen werden sollte, besser ausgedrückt: „fortgeführt“ werden sollte und dass das einzige Ziel sein durfte, bald schon wieder eine Herrschaft auszuüben, die der angehörte, die vor 70 Jahren mit ihrem Anführer unterging. Ihr entrücktes Lächeln vertiefte sich in dem Maße, wie der Redner sich selbst in weiter in Rage redete, die Stimme schon heiser, doch ungebrochen. Die Stimme eines Anführers. Die Menge tobte und glühte.

Sie wartete nicht, bis er fertig war mit seinen Reden, seiner Propaganda und seiner Hetze. Sie löste sich einfach aus der Gruppe und ging zur Tribüne, ohne das sie aufgehalten wurde. Sie stieg die Stufen empor, drei an der Zahl, und schaute, oben angekommen, über die Menge der Unbelehrbaren. Wieder lächelte sie wissend, immer noch wurde sie weder aufgehalten, nicht einmal registriert. So lange nicht, bis sie neben dem „Auserwählten“ stand und ihn ansah, ohne ihn in seiner Rede zu unterbrechen. Sie wartete einfach und schon nach ein paar Sekunden drehte er seinen Kopf und schaute sie erstaunt an. Noch sprach er, doch er wurde langsamer, bis er ganz abbrach und sie nun offen ansah. „Was willst du denn hier oben?“ fragte er in einer Art Unglauben und er musterte sie von oben nach unten, bevor er sich wieder ihrem Gesicht zuwandte. Ein erschrockener Blick war die Folge, denn ihre Augen wirkten kurz wie die einer Raubkatze, ehe sie ihn wieder wie ein dunkler Engel ansah, mit mandelförmigen, dunklen Augen. „Ich werde dir etwas zeigen“, sagte sie ruhig. Ihre Stimme klang melodisch, ein wenig singend. „Du kannst doch nicht einfach hier hoch kom… wer bist du denn eigentlich? Wieso bist du nicht aufgehalten worden?“ Er schaute sich nach denen um, die ihn beschützen sollten, doch er sah nur Irritation bei ihnen und ein weiterer Blick in die Menge verwunderte ihn noch mehr, denn auch von dort bekam er nur verwirrte Gesichter zu sehen. „Ich habe viele Namen, aber du kannst mich Illuria nennen“, sagte sie wieder ruhig. „Was willst du?“ zischte er und schaute sie feindselig an. Die Situation überforderte ihn und was ihn überforderte machte ihn aggressiv. „Wie ich schon sagte. Ich werde dir etwas zeigen“. Noch bevor er zurück weichen konnte, legte sie lächelnd ihre Hand auf seinen Arm. „Komm, wir müssen gehen Frank“.

Kapitel 2

Dort, wo ihre Hand seinen Arm berührte, kribbelte seine Haut unangenehm und er wollte den Arm wegziehen, doch sein Körper befolgte seine Befehle nicht. Mit großen Augen starrte er die seltsame Frau an und Angst bemächtigte sich seiner. Eine so große Angst, wie er sie im Leben noch nicht verspürt hatte, und die ihm die Blase öffnen wollte, dass er sich einpinkeln würde. Das passierte zwar nicht, aber ihm war ganz schlecht, er hatte böse Vorahnungen und je mehr er weg wollte von ihr, desto mehr schien er an ihr festzuwachsen. „Hast du Angst?“ fragte sie beinahe sanft, aber er schaffte es nicht einmal zu nicken, oder sonst eine Bewegung zu machen. „Keine Sorge“, sagte sie wieder und jetzt klang ihre Stimme fast spöttisch, „es wird noch schlimmer werden“. Sie zwinkerte ihm zu und dann wurde es schwarz um ihn. Nicht wie es in einer Ohnmacht war, nein es wurde tatsächlich langsam schwarz um ihn. Erst verschwommen die Umrisse in seinem Blickfeld, wurden zu ineinander verwobenen Linien und blendeten dann langsam aus, indem sie dunkler und dunkler wurden, bis schlussendlich nur noch er und sie übrig waren. Er hörte keine Geräusche mehr, keine Stimmen, kein Gejohle. Um ihn herum wurde es dunkel und still. Ihre Worte hallten durch seinen Kopf, immer und immer wieder: „Hast du Angst? Keine Sorge, es wird noch schlimmer werden“. Was hatte diese Frau mit ihm vor? Gerade noch hatte er die Massen zum toben und rasen gebracht, thronte über ihnen einem Führer gleich (und der Vergleich war vollkommen beabsichtigt) und jetzt war er in einem Nichts gefangen, eine unheimliche Frau an seiner Seite, die ihm Schlimmes vorhersagte. Die Stille drückte schwer auf ihn, die Schwärze machte ihn beinahe wahnsinnig, doch dann hörte er Geräusche, leise Geräusche, die nur langsam anschwollen. Ohne es wirklich zu wollen lauschte er intensiv auf das, was aus der Dunkelheit herauf beschworen wurde und es dauerte eine Weile, bis er verstand, was genau dort an seine Ohren drang. Ein Pfeifen ertönte, ein Einschlag folgte. Er hörte Maschinengewehrfeuer, aber auch andere Schüsse. Gebrüllte Befehle durchzuckten seinen Geist, dazwischen schrie ein Mann um Hilfe und nach einem Sanitäter. Er lenkte seinen Blick zu Illuria, die mit schiefgelegtem Kopf ebenfalls zu lauschen schien und wieder so seltsam lächelte. Sein Blick war beinahe flehend, aber er war nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gesehen hatte. Schließlich schubste sie ihn und es war fast eine sanfte Geste, es wurde Licht und er krachte mit seinem Körper an eine Mauer.

Er war völlig geschockt und nahm die Details nur nach und nach wahr, so als ob sein Geist ihn versuchte zu schützen und ihm keinen Gesamtblick zumuten wollte. Er kauerte an einer Mauer, es musste eine Mauer zu einem Hof sein. Es war hier dunkler als an den Enden des Hofgangs und trotzdem konnte er erkennen, dass er nicht nur in eine Wehrmachtsuniform gekleidet war (das wusste er sofort, jahrelang hatte er sich mit dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt), sondern auch noch ein Gewehr in den Händen hielt und an sich presste, als wäre es eine schützende Mutterbrust, die ihn vor allem Bösen beschützen würde. Die Beine hatte er fest an sich gezogen, der Helm war ihm tief ins Gesicht gefallen und er roch eine fiese Mischung aus Waffe und Blut. Ständig krachte es in der unmittelbaren Nähe, mal etwas näher, mal etwas weiter weg, aber nie weit genug, als das nicht die Erde erzitterte, so dass die Zähne aufeinander stießen. Vom Geschützfeuer war es nebelig und es roch verbrannt, die Mischung aus allem drehte ihm den Magen um und nur mit Mühe konnte er verhindern sich zu übergeben. Er sah neben sich Illuria stehen, die auf ihn herabsah. Sie schien die Rolle der Beobachterin eingenommen zu haben, denn sie wirkte nicht ängstlich oder besorgt, nur entrückt und wissend. „Los Soldat! Raus da!“ hörte er jemanden über den Lärm hinweg schreien und es dauerte einen Augenblick bis er verstand, das er gemeint war. Mit großen, vor Entsetzen und Angst aufgerissenen Augen starrte er in das von Dreck, Schweiß und Schrecken geprägte Gesicht, das ihn förmlich anfletschte, wie ein Hund es mit hochgezogenen Lefzen machen würde. „Raus hab ich gesagt!“ schrie der Leutnant wieder, aber Frank konnte sich nicht bewegen. Es war, als wäre jeder Muskel seines Körpers gelähmt, kein Befehl von seinem Gehirn kam dort an, wo er hingeschickt wurde und ehrlich gesagt war er nicht zu großen Befehlen fähig, wenn sie nicht gerade „abhauen“, „wegkriechen“ oder „verstecken“ lauteten. Das einzige was er schaffte war die Augen zu schließen, seinen Arm über den Kopf zu legen, die Beine fester an sich zu ziehen und sich so klein wie möglich zu machen. „Das gibt’s doch nicht! Deserteure werden erschossen!“ schrie der Leutnant wieder und zerrte an Frank herum, bis dieser stand und ihm in die Augen sehen musste. „Du wirst da jetzt raus gehen Soldat ansonsten zerre ich dich vors Kriegsgericht!“ Der Leutnant schubste Frank aus dem Hofgang und da stand er, völlig ungesichert mitten auf der Straße, mitten im Kugelhagel, mitten im Krieg. Er pinkelte sich ein.

Kapitel 3

Er konnte nicht behaupten, dass er groß denken konnte. „Illuria, Hilfe!“ rief er immer und immer wieder, aber die Frau in dem schwarzen Samtkleid war verschwunden und er stand ganz allein auf der Straße und hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Wo er war und was passiert war, das waren Fragen, die im Moment keinerlei Priorität hatten, nur das „Was soll ich jetzt tun?“ kreiste in seinem Kopf herum, gemeinsam mit dem Hilfeschrei an die Frau, die ihn in diese Lage gebracht hatte. Es fiel ihm nichts Besseres ein als sich hinzuwerfen und so eng an den Boden zu drücken, wie er nur konnte. Sein Gewehr lag unter ihm und drückte unangenehm auf seinen Magen und war so nutzlos, wie es ein Mixer in dieser Situation gewesen wäre. Auch wenn er Waffen besaß und auch schießen konnte, so war ihm doch dieses Modell völlig fremd. Und wie hätte er schießen sollen? Sein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub, während er sich immer enger an den Boden drückte, in der Hoffnung einfach übersehen zu werden. Er hörte die Kugeln an seinen Ohren vorbeipfeifen, hörte und sah die Einschläge vor und neben sich und es wunderte ihn, dass er immer noch lebte. Er fing an zu beten, so inbrünstig, wie es ihm nur Angst diktieren konnte, und immer wieder rief er dazwischen nach Illuria, ohne von ihr erhört zu werden. Eine Kugel traf ihn am Helm. Er spürte wie er erzitterte und wegspringen wollte, doch im letzten Augenblick hielt Frank ihn instinktiv fest. Er konnte es nicht glauben, aber er fühlte wo der Schuss den Helm getroffen hatte, die Kugel hatte ihn nicht frontal getroffen, sondern mehr gestreift. Das blanke Entsetzen kroch Frank den Rücken entlang nach oben und ließ ihm die Tränen in die Augen steigen. Er öffnete den Mund und wollte sein Elend herausschreien, seine ganze Angst, sein Grauen, sein lähmendes Entsetzen, doch noch bevor er einen Ton hervorbringen konnte, hörte er rechts neben sich dumpfe Worte: „Hey! Hey du Idiot! Hier!“ Fast in Zeitlupe bewegte Frank seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war. Schließlich sah er ein paar Soldaten, die hinter einer Hauswand Deckung gefunden hatten. „Legst dich hier mitten in die Schusslinie du bekloppter Idiot“, sagte der, der direkt an der Ecke stand und den Kopf schüttelte. „Los, komm rüber gekrochen, beeil dich ein bisschen, oder der nächste Treffer sitzt. Kannst von Glück reden, dass der Wagen da dich ein bisschen deckt“. Frank drehte nun, während er mit unmenschlicher Anstrengung seinen Körper in Richtung der Soldaten robbte, und dabei die Steine unter sich schmerzhaft an der Wange fühlte, den Kopf in die Richtung, in die der Soldat gedeutet hatte und tatsächlich, in ein paar Metern Entfernung stand ein umgekippter Heuwagen und bot seinem Körper ein wenig Schutz. Damit war zumindest geklärt, warum er überhaupt noch lebte. Plötzlich wollte er diesen kleinen Schutz, egal wie hirnrissig diese Idee war, nicht mehr verlassen. Er wollte nicht ungeschützt zu den Soldaten kriechen, sondern die Sache irgendwie aussitzen, doch der Soldat kam ihm dabei in die Quere, indem er aus der Deckung gelaufen kam, gebückt und so schnell wie möglich, und Frank an der Koppel den ganzen Weg, förmlich durch Kugelhagel, hinter die schützende Hausmauer zog. „Bist du verletzt?“ fragte der Soldat dann etwas atemlos und er musterte Frank, der auf dem Boden lag und diesmal mit großen Augen seinen „Retter“ ansah. „Was ist? Bist du verletzt?“ fragte der noch einmal, diesmal etwas schärfer. Frank schüttelte leicht den Kopf, konnte aber nichts sagen. „Hast du den Koller? Lass dich bloß nicht vom Behrend erwischen. Der hat schon ein paar Leute wegen Feigheit am Feind an die Wand gestellt die einen Koller hatten“. Etwas krachte dorthin, wo eben noch Frank gelegen hatte, Steine wurden aufgewirbelt und alle duckten sich leicht und schützten ihren Kopf mit ihren Armen. „Das nennt man wohl Glück“ sagte der Soldat als er den Trichter sah. Er nickte Frank zu, der sich nicht mehr zurück halten konnte und sich auf den Boden erbrach. „Scheiße, Niedermeyer jetzt haben wir den am Bein!“ rief einer der anderen Soldaten dem zu, der Frank gerettet hatte, aber der winkte ab. „Jeder kann den Koller kriegen, das weißt du genau Schulz. Das wird gleich wieder besser. Nicht wahr?“ Die letzten beiden Worte richteten sich an Frank. Der konnte zunächst nicht antworten, weil sich nämlich sein Magen bis auf den letzten Säuretropfen leerte. Ein weiterer Einschlag folgte, näher an den Soldaten dran. „Die schießen sich jetzt auf uns ein!“ brüllte Schulz vorwurfsvoll. „Die brauchen ja auch nur die Krauchspuren des Idioten verfolgen“. „Schulz, halt die Klappe“ sagte Niedermeyer ruhig, doch es reichte, dass Schulz verstummte und Frank nur noch vorwurfsvoll ansah. Ein erneuter Einschlag ließ den Boden erzittern, eine Ecke der Hausmauer splitterte ab und bedeckte sie mit Steinen. „Wir müssen hier weg. Geht es wieder?“ Niedermeyer sah Frank an, der nur noch trocken würgte. „Ernsthaft Mann, wir müssen hier weg“, wiederholte auch Schulz. Frank nickte leicht und wischte sich über den Mund. Wie ein alter Mann erhob er sich, zu langsam für Schulz, der ihm „half“ endlich auf eigenen Beinen zu stehen. „Wie heißt du? Ich kenne dich gar nicht“ sagte Niedermeyer und er musterte mit hellen, blauen Augen Frank, wie er zitternd wie ein Häufchen Elend bei ihm und vier anderen Soldaten stand. Alle sahen schrecklich dreckig und schrecklich müde aus. Das Grauen hatte sich in ihre Gesichter gegraben und egal wie souverän sie sich auch gaben, es waren die Augen, die eine andere Geschichte erzählten. „Frank“, sagte er schließlich, „Frank Weiss“. Seine Stimme war krächzend und zunächst kaum hörbar. Schließlich wiederholte er es lauter. Niedermeyer nickte. „Keine Ahnung wo du her kommst, aber das du noch lebst grenzt an ein Wunder“ erklärte er. „Wir wurden irgendwie vom Rest getrennt und hier hin versprengt. Wir versuchen jetzt wieder zu den anderen aufzuschließen und wollen uns zum Mamayevhügel durchschlagen, wo wir hoffen, dass die anderen noch immer Stellung beziehen. Der Behrend ist uns irgendwie verloren gegangen, aber wir hoffen auch den am Hügel wieder zu finden“. Die vier anderen Soldaten nickten leicht, die beiden letzten an der Hausmauer sahen, wohl wie Frank, verängstigt und entsetzt aus. Es waren ganz junge Burschen. „Hast du noch andere gesehen?“ fragte Niedermeyer Frank, während er neue Munition nachlud. Frank schüttelte leicht den Kopf. „Nun gut. Auf drei laufen wir los, sucht euch Deckung wo ihr könnt. Der erste rennt, die anderen geben Deckung und so weiter, bis ich am Schluss nachkomme und ihr mir Deckung gebt. Alles klar?“ Fiebernde Augen leuchteten in der Dunkelheit, blasse, dreckige Gesichter nickten. Niemand von ihnen wollte den Schutz der Mauer verlassen, aber sie hatten keine Wahl. Ein weiterer Einschlag ließ sie erzittern, die Mauerecke splitterte nahezu ganz ab und sie wurden erneut von lockerem Gestein beregnet. „Dann auf drei. Eins, zwei….drei!“

Frank erlebte die nächste Zeit, näher konnte das nicht beziffert werden, wie im Traum, fast schon wie in einer Trance. Er hörte Niedermeyer schreien und einen nach dem anderen rausschicken, er hörte Einschläge, Gewehrschüsse, Schreie, ohne das er sagen konnte, ob sie von ihrer Gruppe stammten oder vom scheinbar unsichtbaren Gegner. Als er an der Reihe war zu laufen konnte er sich wieder nicht bewegen, seine Füße wollten dem Befehl einfach nicht folgen, sein Gewehr baumelte nutzlos in seinen Händen. Doch Schulz ließ sich auf keine Diskussionen ein, er packte Frank am Kragen und zog ihn einfach mit sich, so das Frank schließlich und endlich doch dorthin stolperte, wohin die „Kameraden“ gelaufen waren. Er hatte keinen Schuss abgefeuert, er hatte keine Zeit gehabt sich mit dem Gewehr auseinander zu setzen um effektiv oder überhaupt schießen zu können und das er sich mit solchen Gedanken auseinandersetzte schien wahnwitzig zu sein, was eine Ecke seines Gehirnes kritisch aber auch enthusiastisch bejahte. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon hier war, aber lang konnte es nicht sein. Vor vielleicht einer Stunde hatte er noch im Jahr 2012 flammende Reden gehalten und jetzt war er mitten in den Krieg geraten, den er immer verherrlicht und idealisiert hatte. Es WAR wahnwitzig. Und unglaublich. Und wenn er nicht am eigenen Leib gehört und gesehen hätte, wie die Kugeln durch die Gegend flogen, wie die Einschläge der Artillerie den Boden aufrissen, wenn er den Streifschuss an seinem Helm nicht hätte fühlen können, die lähmende Angst, die ihn befallen hatte, dann hätte er all dies hier für einen bösen, wirklich bösen, Traum gehalten. Und noch bevor er einen Traum weiter in Erwägung ziehen konnte, wurde ihm unsanft in den Rücken gestoßen und ins Ohr gebrüllt. Er drehte sich um, seine Ohren waren von den Einschlägen und dem Lärm taub, und er schaute Schulz ins Gesicht. Vernebelt hörte er was von Idiot und warum er nicht schießen würde. Er bekam eine Ohrfeige, aber danach fühlte er sich tatsächlich klarer. Er hob die Schultern und brüllte zurück: „Ich hab keine Ahnung wie das Ding funktioniert!“ Schulz starrte ihn an, Frank sah ihm an, was er alles auf der Zunge liegen hatte, keine freundlichen Worte, dann nahm er ihm das Gewehr ab und zeigte ihm in kurzen Bewegungen, wie es zu bedienen war. Mitten im Krieg, mitten an der Front, mitten im Kugelhagel, mit aller Ruhe, die man unter solchen Bedingungen aufbringen konnte. Frank nickte verstehend. Er fühlte sich jetzt nicht mehr so schutzlos, obwohl sich an der Situation nichts geändert hatte. Aber das er nun zurück schießen konnte, schien ihn mehr zu beruhigen, als es jedes Wort der Welt getan hätte.

Kapitel 4

Frank hatte viel gelesen in seinem Leben, viele Dinge über den 2. Weltkrieg und auch über den Häuserkampf, wie er z.B. in Stalingrad oder in Berlin stattgefunden hatte. Er war immer fasziniert gewesen von den Kämpfen und wie sich die Deutschen festbeißen konnten, mit eisernem Willen oder, wie er jetzt vermutete, aus Angst und ohne eine Wahl zu haben. Auch fasziniert war er immer von dem Spruch „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ und hatte ihn in sich verankert und ihn zu einem Lebensmotto gemacht. Selbst der realistischste Bericht den er gelesen hatte kam nicht annähernd an das heran, was wirklich passierte, wie es sich anfühlte, wenn die Kugeln um einen flogen und man sich jeden Zentimeter erkämpfen musste, umringt von Scharfschützen, Soldaten und Artillerie und wie es war, dem Tod in jeder Sekunde in die Augen blicken zu müssen und trotzdem weiter zu machen, weil die einzige Wahl war irgendwo hängen zu bleiben und zu warten, bis ein feindlicher Soldat deinem hart umkämpften Leben ein Ende setzte. Es gab keine Wahl, keine Ausflucht. Flucht wurde als Feigheit vor dem Feind ausgelegt und man zahlte trotzdem mit dem Leben. Der Tod durch einen Kopfschuss war noch die gnädigste Alternative, wenn man sah, wie Männer langsam an Bauchschüssen krepierten, oder verbluteten, während die Fetzen ihrer Beine noch zuckten. In russische Gefangenschaft zu kommen war auch keine erwünschte Option, nicht, nachdem man solch grauenvolle Dinge getan hatte. Man hatte wirklich nur die Wahl: Verbissen bis zum letzten um das Leben kämpfen oder untergehen. Es gab nichts Heroisches daran, nicht im Geringsten. Es war der nackte Kampf ums Überleben, das zumeist nur durch Glück gesichert wurde. Die Männer starben nicht in ehrenvoller Pose für Führer, Volk und Vaterland. Sie starben, während sie nach ihren Müttern oder ihren Frauen riefen, weinend, dem Tod ins Auge sehend und sich dennoch so lange wie möglich an ihr Leben zu klammern, um jede Sekunde zu kämpfen. Verdreckt, schweißbedeckt, voller Blut, unter unsäglichen Schmerzen. Und obwohl sich Frank wirklich nicht für einen Feigling hielt, so konnte er plötzlich verstehen, warum u.a. die 6. Armee bei Stalingrad kapitulierte, statt einen sinnlosen Kampf zu fechten. Er verstand plötzlich, dass die „Feigheit“, die er immer in solchen Situationen verachtet hatte, nur mit dem unstillbaren Durst nach Leben, nach einem Ausweg, egal wie klein die Chance ist, gleichzusetzen war. Lieber feige überleben, als mutig tot. Und da lag die Ironie in dem Ganzen, der Mechanismus der funktionierte. Da man seine Kameraden verriet, wenn man sich geschlagen gab, da man sich der Verantwortung entzog, die andere, viel Jüngere, für sich trugen und bis zum letzten Atemzug kämpften, verlor man seinen Seelenfrieden und die Bilder derer, die gestorben waren, während man selbst aufgab und mit fliehenden Fahnen in feindliche Hände lief, unsicher, was nun auf einen zukommen würde. Man war ein Vaterlandsverräter, ein Heimatloser, einer, der erschossen wurde, wenn man ihn antraf, irgendwo versteckt in einem Stall unter Heu in der irrsinnigen Annahme, irgendwie überleben und sich durchschlagen zu können. Ein Feind aller Parteien, irgendwo im Niemandsland. Vielleicht war Aufgabe doch eine Option.

Kapitel 5

Sie lagen hinter einem großen Geröllhaufen und Frank Weiss konnte nicht glauben, dass er noch lebte. Er konnte nicht glauben, dass er sich noch Gedanken machen konnte und war völlig überrascht, dass sich seine Gedanken weniger damit beschäftigten, wie das hier möglich sein konnte, als vielmehr mit dem Wahnsinn, in den er geraten war, in den Krieg der sich Haus für Haus schlug und so gar nichts mit seinen Vorstellungen gemein hatte. Sie hatten einen der jungen Burschen, Helmut Junk, verloren. Er wurde in tausend blutige Fetzen gerissen, als sie sich durch ein Haus schlichen und eine Handgranate geworfen wurde. Schulz konnte immer noch nicht richtig hören und brüllte alles bis zur absoluten Heiserkeit heraus und wurde von Niedermeyer zum Schweigen gebracht, weil er mit seinem Geschrei locker die Positionen verriet. Niedermeyer hatte einige Streifschüsse von Splittern abbekommen und sah selbst schwer verletzt aus, auch wenn er behauptete, das seien alles nur Kratzer. Dietrich, ein eher schweigsamer Genosse mit stets schreckgeweiteten Augen, sprach nicht nur wenig, er hörte nun auch nichts mehr, denn die Trommelfelle waren ihm bei dem Druck der Granate geplatzt. Noch glaubte er, wie Schulz, bald wieder hören zu können, aber Frank hatte den schüttelnden Kopf von Niedermeyer zu Schulz gesehen, als dieser versuchte mit Dietrich zu kommunizieren. Er hatte sich vor Schreck auf die Lippe gebissen und sie versehentlich sogar durchgebissen. Das Blut, das ihm über das Kinn gelaufen war, erinnerte Frank irgendwie an einen Zombie aus einem entsprechenden Film, der sich gerade an Menschenfleisch gütlich gehalten hatte. Die Zähne schimmerten durch, es sah gruselig aus. Braun, der andere junge Bursche, war unverletzt geblieben, weinte aber die ganze Zeit und rief nach seiner Mutter und nach Marie, seiner Verlobten. Am schlimmsten fand Frank das Geheule von Braun und er hätte ihm gern eine reingeschlagen, damit er damit aufhörte. Selbst unverletzt geblieben redete sich Frank ein, dass Illuria ihn ja hier nicht würde sterben lassen. Egal was sie auch wollte, er würde es ihr geben, wenn sie ihn nur hier weg holte und in Gedanken rief er immer wieder nach der merkwürdigen Frau im schwarzen Kleid. Er hatte nicht eine Patrone verschossen, immer nur so getan als ob. Er hatte irgendwie den irrigen Glauben, das wenn er erst einmal schießen und töten würde, er hier nie wieder wegkam. Obwohl sie gefühlt seit Stunden kämpften, sich durch Häuser und Gassen und hinter Geröll und umgekippten Dingen schlichen, obwohl er das Gefühl hatte, im Leben nie was anderes getan zu haben als dieser Kampf hier, hatten sie nicht viel Strecke geschafft. Es war einfach zu mühselig, von einem vorpreschen konnte keine Rede sein. Man kämpfte hier hart um jeden Meter, jeden Zentimeter. Und obwohl er es wusste, eigentlich schon seit den ersten Minuten, in denen er hier gelandet war, fragte er trotzdem in einer Feuerpause: „Sind wir hier in Stalingrad?“ Niedermeyer schaute ihn mit gehobener Augenbraue an. „Hast du einen auf den Kopf gekriegt? Natürlich sind wir in Stalingrad“. Frank nickte leicht, während sich in ihm die Angst aufstaute wie zu einem Klumpen Pech, der ihn innerlich verklebte. Stalingrad. Hier würden sie sterben.

Sie versuchten dreimal auszubrechen, weil sich Artillerie immer näher auf sie einschoss und ein Geröllhaufen nicht unbedingt ein sehr sicherer Schutz war. Jedesmal wurden sie sofort von Kugelhagel wieder zurück gedrückt und mussten erneut hinter den Steinen in Deckung gehen. Schulz fluchte wie ein Bierkutscher, dass sie wohl mitten im Zentrum der Kampflinie lagen, während Braun weiterheulte: „Ich werde nie mein Kind sehen. Ich werde nie das Wunder sehen, das zwei Menschen erschaffen haben. Sie wird es wohl schon geboren haben und ich bin hier in der verdammten Hölle!“ Ein Einschlag direkt neben ihnen brachte ihn dann endlich zum schweigen. Nur die Augen tränten weiterhin und ließen ganze Sturzbäche herablaufen. Nun war auch Frank auf einem Ohr taub. Der Steinhaufen war nicht sehr groß, sie konnten sich nicht einmal vernünftig aufsetzen und waren gezwungen in einer fast liegenden Position zu bleiben. Die Männer wurden langsam steif, erst jetzt merkte Frank, wie kalt es eigentlich war. Es erstaunte ihn, dass ihm das nicht vorher aufgefallen war, aber der Atem vor seinem Mund bildete Wölkchen und die Kälte kroch ihm in die Knochen. Und als ob alles nicht schon schlimm genug war, fing es nun auch in dicken Flocken an zu schneien. „Der Winter hat Einzug gehalten…“ sagte Niedermeyer leise. „Jetzt ist alles im Arsch!“ brüllte Schulz. Frank zitterte vor Kälte und nickte zu Schulz‘ Worten. Es war wirklich alles im Arsch.