Niemandsland

Auch wenn ich mir nicht anmaße zu wissen, was ein Mensch denken mag, wenn er sich inmitten einer Schlacht befindet, die furchtbar und grausamer nicht sein könnte, so wollte ich doch ein eigenes Zeichen gegen diese furchtbare Sache mit Namen “Krieg” setzen. Ich hoffe, die kleine Geschichte wird auch so verstanden.

Wörter: 1.400
Genre: Krieg
Erzählform: Ich-Perspektive (Gegenwart)
Datum: Mai 2015

Stille. Rauchgeschwängerte Ruhe nach dem Sturm. Verklungen ist der Donner, der Geschütze vibrierende Schreie für unseren Tod. Hier liege ich und atme. Nicht ruhig, sondern hektisch, gepumpt im Rausch der Schlacht. Ich muss mich erheben, ich muss laufen, stürmen, erobern, siegen. Doch meine Glieder sind schwer, ich kann sie kaum heben. Wie Blöcke aus Stein, unsinnig baumelnd an meinem Körper, der erschöpft ist von Nächten voll kummervoller Gedanken, unruhigem Geiste, dem Gewitter um uns herum. Die erfüllt sind vom Stöhnen, vom Alp, von menschlichen Ausdünstungen, wild schlagenden Herzen, ständiger Angst. Die Abgeklärten sind die Seligen, ein Wunder für uns, die jeder Minute begegnen, als sei es die letzte des Lebens. Wie kühl kann man sein, wenn der Tod dir ins Gesicht lacht, neben dich springt, deinen Kameraden mit sich reißt in die endlose Finsternis düsterer Gräben, wo niemals ein Kreuz bezeugt, dass ein Leben ausgehaucht, geopfert wurde? Für eine Sache, die wir kaum verstehen, niemals wollten, und wir doch ohne Wahl sind. Nein, es ist die heiße Furcht, die mich umklammert, beinahe erstickt, mich unfähig macht zu denken, einzig von dem Wunsch beseelt, bald wieder in den Armen meiner Geliebten zu liegen, in einem friedlichen Lachen zu baden, in einem Land, das so schön und unbefleckt, wie in meines Kindes Erinnerung. Der Atem ist laut, mein Wille das einzige, das meinen Körper sich bewegen lässt. Also stehe ich, laufe ich, und werfe mich nieder, wenn die lauten Schreie deuten, dass das Unwetter erneut aufgezogen ist, der Donner weiter grollt, und die Zerstörung sich fortsetzt. Jene, die Körper zerfetzt und Seelen aufsaugt, frisst, und wieder ausspuckt.

Ein Streifen, Stückchen Niemandsland. Das ist meine Flucht. Dort wo ich liege, auf dem Rücken, mit dem Blick in die Nacht. Wo die Sterne auf uns niederfunkeln und uns beweinen. Uns arme Hunde, die sich aufreiben, ihr Leben verkaufen, ihre Seele opfern, für einen Moment. Einen einzigen weiteren Moment auf dieser Erde, noch einmal wandeln im Sonnenschein des Morgens, wenn das Dasein friedvoll und voller Liebe ist. In dem wir vergessen können, dass wir getötet haben, und uns die Bilder derer nicht verfolgen, denen wir das Bajonett in den Leib gerammt, die von unseren Kugeln zerfetzt, die wir mit unseren eigenen Händen ermordet haben. Die wir entrissen aus ihrer Familie Schoß, aus einem Leben, in dem wir nicht Freunde sind, sondern Feinde. Ein Stückchen Niemandsland, das nicht mir, nicht dir, gar Niemandem gehört, außer Mutter Erde, die es uns gab, in friedlicher Absicht und sicher nicht in dem Sinn, dass wir darauf bluten, und der Tod reiche Ernte trägt.

Ein weiterer Moment der Stille. Erneut verhallt der letzte Schlag, Atempause in einer Existenz, die von Minute zu Minute gelebt wird. Ich denke nicht an Morgen, weil dieser vielleicht nicht kommt. Ich denke nicht an Gestern, weil es mich zum weinen bringt. Ich denke nicht an heute, weil ich sie nicht bei mir tragen will für alle Zeit, die Bilder, die Geräusche, und auch nicht den Geruch. Nur ein Moment, eine Sekunde, vielleicht eine Minute. Und wieder liege ich auf dem Rücken, mein Atem schlägt Wolken, verraten mich. Um mich herum wütet das Grauen. Ich bin friedlich. Der Mond umarmt mich, umhüllt mich mit Sanftheit und zarter Bande, nimmt meine Angst, während die weinenden Sterne meine Seele mit Ruhe tränken. Ich schließe meine Augen, konzentriere mich. Der Gestank des Blutes wird zu Blumenduft, das Schreien wird zu Vogelgezwitscher, die Kälte weicht der Sonnenwärme auf meinem Gesicht. Die Müdigkeit verdrängt von Lebenswille, und all der Schmutz auf meiner Haut, wird zu einer lieblichen Umarmung. Hoffnung flutet mich. Sie ist gefährlich, doch ich gebe mich ihr hin. Für einen Moment, eine Sekunde, vielleicht eine Minute. Hoffnung auf ein Morgen, auf ein Leben voller Glück. Ein Dasein ohne Sterben. In dem ich nicht mehr töten muss. In dem mich die Schreie nicht verfolgen werden, und die Nächte selig sind.

Ich höre meinen Namen, jemand ruft mich. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich, dass es der Tod ist, der mich ruft, der mich geleiten will. An die Tore der Hölle, denn der Himmel ist nur für jene, die der Schuld nicht erlagen. Doch die Schuld trägt mich im Arm, wird mich begleiten ein Leben lang. Die Schuld, mich aufgespielt zu haben als Herrscher über Leben und Tod, als Handlanger des Sensemanns, der all die gefallenen Früchte aufliest, die von den Bäumen der Schlacht gefallen sind. Erneut ertönt mein Name, doch ich drehe mich nicht, wende nicht meinen Kopf. Ich will nicht sehen. Ich will nicht fühlen. Ich will nur hier liegen, und mich der trügerischen Hoffnung hingeben, dass es ein Morgen für mich geben wird. Ein Morgen in Frieden und Freiheit, ohne Schmerzen, und mit einer Seele, die die Schönheit nicht verlernt hat. Und doch leitet mich mein Gewissen, und automatisch suche ich den Ursprung der Stimme, die beständig schreit nach mir und meinesgleichen. Weißer Nebel liegt über uns, bedeckt uns wie ein Leichentuch. Er füllt die Gräben, die Löcher der Geschosse. Er kraucht über ein blutiges, zerrissenes Land. Das Niemandsland. Fasrige Fetzen verzerren das Bild. Vielleicht eine Gnade. Wer ruft? Wer schreit? Wer wimmert meinen Namen? Im Rauch der Feuerpause, im Nebel vergangener Kugelhagel, gleicht ein Stein dem abgerissenen Arm, dem zerfetzten Bein, dem dampfenden Gedärm am Boden, dessen Ursprung bereits gestorben ist. Die Nacht liegt über meinen Augen. Oder der Schmutz, der Schlamm, der seine Finger streckt. Der uns hinabzieht in ein dunkles Reicht der Beklemmung, der Atemnot, uns bedeckt im Tod, verschüttet, versunken, ausgeblutet. Meinen Namen zu hören ist wie eine düstere Prophezeiung. Eine Vision auf das Ende. Als würde es wahr, wenn es benannt wird. Als wäre ich unsterblich, solange mich niemand kennt. Gestern war es meine Mutter, die zart für mich lacht. Heute der Tod, dessen irres Angesicht uns begleitet. Kein Ende in Sicht, und der Anfang längst verschollen. Das Hier und Jetzt. Und eine Stimme, die meinen Namen schreit.

Mit schweren Gliedern wende ich mich. Liege auf dem Bauch, das Gesicht im Dreck. Mühevoll hebe ich den Kopf und suche im Nebel des Sterbens. Nach dem Verursacher der Rufe. Und ein bisschen nach mir, als ich noch voller Unschuld war. Schwerfällig mein Atem, ebenso meine Arme, die mich Stück für Stück weiter tragen. Durch Schlamm und Dreck, durch die Nacht und den Tod. Stück für Stück im Niemandsland. Ich treibe mich voran. Mein Wille bewegt meinen Körper. Die Angst ist mein Begleiter, die Sorge mein Bruder. Ich suche und krieche. Ich krieche und suche. Wie lange schon? Eine Ewigkeit. Und doch nur eine Minute vielleicht. Wo bist du, Bruder, Kamerad? Den ich niemals kennengelernt, würde uns die Schlacht nicht schweißen. Wir wären Fremde, doch hier, im Angesicht der blutigen Leiber, bist du alleine meine Familie. Und deswegen suche ich dich. Treibe ich mich voran. Über zerfetzte Leiber, tote Körper, blutiges Land. Das dunkle vibrieren unter mir kündet vom weiteren Sterben. Die Blitze über uns erhellen unser Leid. Ein Schmerz in meinen Beinen. Und trotzdem krieche ich auf meinen Armen, suche ich. Ich suche dich, suche unsere Rettung, will flüchten und bleiben zugleich. Ich will dich halten und begleiten, dir Wärme spenden bis deine Augen sich für immer schließen. Ich will weg, zurück in das Leben. Ich will überleben! Was soll ich tun, wenn das Pfeifen um uns herum unser Dasein beendet, den Schmerz bringt, die Rufe der Anderen davon künden, dass das Niemandsland schon bald einen neuen Namen trägt? Wir sind Verlierer, Figuren auf dem Schachbrett der Großen. Wir sind Taktik und der Zünder für Sieg oder Niedergang. Wir sind Punkte auf Karten, Kreuze in Listen, Nummern auf Papier. Dort weiß Niemand von meiner Kindheit schöner Stille. Und mein Name ist nur eine Reihe von Buchstaben, ohne Bedeutung, ohne Seele, ohne Herz. Im Niemandsland vermischen sich unsere Schreie zu einer einzigen Klage. Eine Anklage an den Krieg. Getragen durch den Wind der Jahrhunderte, als Mahnmal für alle, die nach uns kommen. Unser Blut vermischt sich zu einem See aus rotem Schmerz. In jedem Tropfen ein Leben, eine ewige Erinnerung an jene, die kamen, kämpften, und verloren. Unsere Seelen werden zu Wolken. Unsere Tränen waschen uns. Im Niemandsland wurden Fremde zu Feinden. Freunde wurden blasse Erinnerung. Kameraden wurden Brüder auf Zeit. Im Niemandsland finde ich dich. Wir halten uns in den Armen. Und wenn wir sterben, dann als das was wir sind. Krieger, Kämpfer, Kameraden. Im Niemandsland bewache ich dich. Und du bewachst mich. Wir hauchen unseren letzten Atem. Denn dies ist unser Niemandsland.