Not und Tugend

Eine Kurzstory, in der es nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Genre: Horror
Worte: 546
Erzählperspektive: Dritte Person (Vergangenheit)
Datum: November 2012

Konzentriert bewegte er sein Skalpell über die Haut, über die Nervenbahnen, die Sehnen und Venen, und trennte sie so geschmeidig, wie ein heißes Messer durch Butter ging. Er summte etwas vor sich hin und wirkte souverän und gelassen, wenn auch kein atmen verriet, ob er aufgeregt war oder nicht. Die Atemmaske, die er trug, verdiente den Namen nicht, denn sie bewegte sich nicht im Rhythmus des Ein- und Ausatmens, verklemmte sich nicht für Sekunden in einem halb geöffneten Mund um dann wieder freigelassen zu werden, bis zum nächsten Atemzug. Seine Brille war ihm nach vorn auf die Nase gerutscht, scheinbar blinde, vernebelt aussehende Augen wurden durch die Lupen auf den Gläsern gespiegelt. Es machte keine Geräusche, als das, was von dem Arm übrig geblieben war, sich nach dem durchtrennen der letzten Hautfetzen vom Rest des Körpers löste und in die kundigen Hände einer Schwester fiel, die ihn sorgsam und vorsichtig in einen Kühlschrank räumte. Der Arzt schaute auf die ganzen Klammern, die den Blutfluss stoppten und die Nerven und Sehnen an Ort und Stelle beließen. Mit kehliger Stimme verlangte er darum, dass ihm der Schweiß von der Stirn gewischt wurde, was zu gelöstem Gelächter in OP 5 führte. „Wie zur Hölle kann man den Arm an einem Rasenmäher verlieren?“, fragte der Arzt, der gegenüber stand und leicht den Kopf  schüttelte. „Dummheit. Unvorsichtigkeit. Selbstüberschätzung?“, antwortete der, der den Arm abgetrennt hatte und das Letzte klang leicht fragend. Im OP wurden allgemein die Schultern gehoben und das Thema nicht weiter verfolgt. Was dem einen sein Pech war, war dem anderen sein Glück. „So, dann wollen wir ihn mal zumachen“, sagte der Arzt Nummer eins und alles wurde wieder geschäftig. Klemmen wurden gereicht, Tupfer benutzt, Nadeln und Fäden vorbereitet, so klein und fein, dass sie mit dem bloßen Auge nicht sichtbar waren und der Arzt summte wieder leise vor sich hin.

Nach zwei weiteren Stunden war es geschafft und der Arm sorgsam vernäht. Der Operierende schaute auf seinen Patienten hinunter, der immer noch friedlich im Narkoseschlaf dämmerte und sich in Zukunft an eine Prothese gewöhnen musste, die seinen rechten Arm ersetzen würde. Er war zufrieden und die anderen waren es auch. Trotzdem verließ keiner den Raum, alle starrten den Mann auf der Liege an. „Hmm…“ machte der andere Arzt und hatte damit die Aufmerksamkeit bei sich. „Bisschen wenig so ein halber, dazu noch so zerfetzter Arm für ein Abendbrot für uns alle“, sagte er nachdenklich. Der Operierende nickte leicht. „Steht noch eine Extraktion oder Amputation für heute an?“ Die Schwester verschwand kurz und kam dann mit einem schüttelnden Kopf wieder. „Nein, das war es für heute“.  „Hmm…“ machte der Arzt wieder. Dann nahm er eins von den Skalpellen, ein großes, und stieß es ruckartig in das Bein des schlafenden. Er „sägte“ förmlich ein wenig daran herum, bis das Blut herausspritzte und der Oberschenkel zur Hälfte abgeschnitten war. „Hoppla“ sagte er fröhlich. „Sowas. Ein Unfall. Sowas kann aber auch passieren. Ich würde sagen, das Bein ist wirklich nicht mehr zu retten“. Die drei Schwestern und die Ärzte grinsten, man sah es selbst durch die Schutzmasken. „Nein, es ist wirklich nicht mehr zu retten“, sagte der andere. „Das kann ich nur bestätigen. Nun lasst es uns schnell abnehmen und die Blutung stillen, sonst stirbt er vielleicht noch“.